Polizei-Translationen – Mehrsprachigkeit und die Konstruktion kultureller Differenz im polizeilichen Alltag

Die Bundesrepublik Deutschland wandelt sich zu einer sprachlich und ethnisch zunehmend heterogenen Gesellschaft, und die Polizei ist eine der wichtigsten und meistdiskutierten staatlichen Organisationen in diesem Transformationsprozess. Das Projekt untersucht, wie Polizist*innen der Schutzpolizei mit Akteur*innen interagieren, die sie als „kulturell fremd“ wahrnehmen. Wir fragen also, ob, wann und wie die Interaktionsbeteiligten kulturelle Differenz relevant machen. Im Gegensatz zum öffentlichen und medial bestimmenden Diskurs über rassistische Einstellungen von Polizist*innen, spektakuläre Großereignisse und dramatische Polizeivideos legt das Projekt seinen Blick auf den Alltag der Akteur*innen. Wann und wie werden Bürger*innen als Migrant*innen oder kulturell Fremde wahrgenommen? Wie werden sie dann behandelt? Wie nehmen Bürger*innen polizeiliches Handeln wahr? Und was ist mit Polizist*innen, die potentiell auch kulturalisiert werden könnten? Wie übersetzen Akteursgruppen in den alltäglichen Interaktionen zwischen unterschiedlichen Sprachen, und darüber hinaus zwischen unterschiedlichen normativen Vorstellungen?

Ziel unseres Projektes ist es nicht, Praktiken normativ zu bewerten, sondern die unterschiedlichen Sichtweisen aller Beteiligten zu untersuchen. Sechs Wissenschaftler*innen, darunter auch ein Polizist, erforschen kollaborativ und multiperspektivisch jeweils unterschiedliche Interaktionsteilnehmer. Methoden sind teilnehmende Beobachtung, also die Begleitung verschiedener Akteur*innen im Alltag, die Beobachtung inszenierter Realität in polizeilichen Einsatztrainings sowie Interviews und narrative Gespräche mit allen Akteursgruppen. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist offen für unterschiedliche Kooperationspartner*innen.

Erste Ergebnisse unserer Feldforschung zeigen, dass wahrgenommene kulturelle Differenz keine Bedingung, sondern ein mögliches, dynamisches Ergebnis dieser Interaktionen ist. Kultur ist eine informelle Wissenskategorie unter anderen, und neben Alter, Geschlecht, Klasse und anderen Faktoren eine Möglichkeit, die Welt zu interpretieren. Sie wird aber in den von uns untersuchten Interaktionen selten relevant gemacht. Wir haben nicht beobachtet, dass Polizist*innen gezielt Personen mit möglichem Migrationshintergrund öfter kontrollieren.  Polizist*innen handeln häufig fremdbestimmt, und reagieren auf die Interventionen und Anrufe von Bürger*innen. Aber der polizeiliche Fokus auf bestimmte urbane Räume, Deliktbereiche und Tätergruppen führt zur Überkontrolle („over-policing“) von Teilen der Bevölkerung. Auch die alltägliche Erfahrung von sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Brüchen kann sich zu einem kulturalisierenden Blick verdichten und zu diskriminierenden Praktiken führen.

Unsere Forschungspartner*innen, die over-policing oder solchen kulturalisierenden Blicken und Praktiken ausgesetzt sind, berichten ihrerseits von häufigen Kontrollen in der Öffentlichkeit, dem raschen Einsatz von Handschellen und Durchsuchungen vor anderen Bürger*innen. Für die Migrant*innen fühlen sich die häufigen Kontrollen ohne erkennbaren Anlass meist demütigend an. Die vermehrten Kontrollen erklären sie sich durch ihre kulturelle Zugehörigkeit, die sie damit selbst relevant machen. Ihre Wahrnehmung von Ungleichbehandlung untergräbt die Legitimität der Polizei, selbst wenn sie diskursiv häufig ein relativ positives Bild der deutschen Polizei zeichnen.

 

Ausschnitte aus der Feldforschung

Interview mit einem Jugendlichen aus Syrien

Er ist seit 2015 in Deutschland und erzählt, dass die Polizei fast täglich in die Einrichtung für Flüchtlinge, in der er wohnt, kommen musste, weil sich Jugendliche dort gestritten haben: “Am Ende hat die Polizei immer Recht. Einer ist nett, und elf oder zwölf Polizisten sind unfreundlich”. Auch im Straßenverkehr werde er sehr häufig kontrolliert, da er sich gelegentlich einen (teuren) Mietwagen miete. “Einmal wurde ich mehr als sechs Mal am Tag kontrolliert. Weil ich einen schwarzen Bart habe. Die gucken mich immer komisch an, weil ich Ausländer bin.” Er berichtet von einer Kontrolle: “Wie immer hat die Polizei die Hand an der Schusswaffe. Sie sagen ‘Hände hoch!’ Ein Freund von mir musste aussteigen. Die drücken auf seinen Rücken, am Auto, haben ihn durchsucht, das war nicht normal. Nur die Frau am Ende war nett, ok, ihr könnt weiterfahren”. Gelegentlich habe er auch Polizisten, die in der Kontrolle nett seien und wo es nur darum gehe, den Führerschein und die Fahrzeugpapiere zu zeigen: “Hallo, guten Abend, den Führerschein und die Fahrzeugpapiere, bitte”. Einmal habe er gesagt, er sei Muslim, er trinke nichts. Beim anschließenden Alkoholtest kam 0,0 Prozent Promille Alkohol heraus. “Der eine Polizist sagte zu seinem Kollegen: ‚Krass, 0,0 Prozent, siehst du.‘ Die waren sehr nett und haben mir auch gesagt, wie man eine Ausbildung bei der Polizei machen kann”. Trotz all dieser Geschichten: Sein Wunsch ist es, selbst eine Ausbildung zum Polizisten zu machen.

Feldnotizen zu einer Verkehrskontrolle

Ich [Jan Beek] bin bei Andreas und Jens im Streifenwagen, draußen ein verregneter und Sonntagabend ohne Einsätze. Die Polizisten suchen nach Arbeit: Wir stehen an der Einfahrt der Stadt, auf der Suche nach einem "angeranzten Kastenwagen" mit litauischem oder lettischem Kennzeichen, "Schleierfahndungsklientel". Andreas macht sich keine Sorgen wg. eines eventuellen Vorwurfs des racial profiling, sondern meint nur, dass er auf Gespräche mit Litauern keine Lust hat. Beide diskutieren selbstkritisch, ob Einbrüche wirklich öfter von osteuropäischen Migrant*innen ausgehen. Dann ein Kastenwagen, aber der hat ein Kennzeichen aus der Region. Der Wagen wird angehalten. Andreas spricht mit dem Fahrer, Jens als sichernder Beamter dahinter, beide mit der Hand an der Waffe, genau nach Lehrbuch. Ich stehe weiter weg und höre zunächst die Diskussionen nicht. Aber dann Scheibe runter, die beiden Insassen haben potentiell türkisch/arabische Migrationsgeschichte. Der Fahrer fragt lächelnd, ob die Polizisten heute viel kontrollieren. Andreas meint, sie wären gerade im "Kontrollwahn", das findet der Fahrer lustig und meint, das wäre auch gut. Die Funkabfrage nach Straftaten ist "negativ". Jens schaut noch in die Ladefläche, Pepsi-Dosen und anderes Zeug liegt verstreut herum: "Über Ladesicherung muss ich jetzt wohl auch keine Worte verlieren, oder? Formschlüssig ist das nicht. Das würde auch 75€ kosten". Die beiden geloben Besserung, Jens belässt es bei einer Verwarnung und wünscht einen schönen Abend.

 

Publikationen

2021. Forthcoming: Bierschenk, Thomas, and Jean-Pierre Olivier de Sardan: "The anthropology of bureaucracy and public services." In Encyclopedia of Public Administration (Oxford Research Encyclopedia of Politics), edited by Guy Peters and Ian Thyme. Oxford: Oxford University Press.

2021. Bierschenk, Thomas: Review of 'Karpiak, Kevin G., and William Garriott. eds. 2018. The Anthropology of Police. London, Routledge." Zeitschrift für Ethnologie 145, 154-157.

2021. Kolloch, Annalena: "’I understand the culture. So, I understand who is lying’ – Language and cultural mediators as brokers and para-ethnologists", in: Dombrowsky-Hahn, Klaudia/ Sabine Littig (Hg.) Migration, Language, Integration. The Mouth Issue 8 (Januar 2021), 110-129. https://themouthjournal.com/issue-no-8/.

2021. Müller, Marcel: "Was ist Auto-Ethnografie? Eine Positionierung vor dem Hintergrund einer ethnologischen Forschung zur Polizei Polizei und Sicherheit.", Arbeitspapiere des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 194. Mainz: Ifeas. https://www.ifeas.uni-mainz.de/files/2021/02/AP_194.pdf 

2021. Müller, Marcel: Umgang mit Differenz am Beispiel von Verkehrskontrollen. Eine auto-ethnografische Forschung im Rahmen der Ausbildung von Kommissar-Anwärter/innen. Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft.

2020. Beek, Jan und Thomas Bierschenk (Hg): Bureaucratic Practices and Cultural Difference. Special issue in Sociologus 70 (1). https://www.duncker-humblot.de/zeitschrift/sociologus-soc-13/?page_id=1

2020. Beek, Jan und Thomas Bierschenk: Bureaucrats as para-ethnologists: the use of culture in state practices. Sociologus 70 (1): 1-17. https://www.duncker-humblot.de/zeitschrift/sociologus-soc-13/?page_id=1

2020. Beek, Jan: Book Review: Jeffrey T Martin, Sentiment, Reason, and Law: Policing in the Republic of China on Taiwan. American Anthropologist 122 (2), 417-418.

2020. Bierschenk, Thomas: "Comment on 'Weak Police, Strong Democracy: Civic Ritual and Performative Peace in Contemporary Taiwan', by Jeffrey T. Martin. "Current Anthropology. doi: https://doi.org/10.1086/711997

2020. Staut, Jonathan, und Thomas Bierschenk: Polizei und Sicherheit. Wahlprogramme der deutschen politischen Parteien im Vergleich, Arbeitspapiere des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 193. Mainz: Ifeas. https://www.ifeas.uni-mainz.de/files/2020/07/AP_193.pdf

2019. Beek, Jan: Selbstverständliche Staatlichkeit. Ghanaische und deutsche Polizeiarbeit im Vergleich. In Polizei und Gesellschaft. Transdisziplinäre Perspektiven zu Methoden, Theorie und Empirie reflexiver Polizeiforschung, hrsg. von Christiane Howe und Lars Ostermeier, S. 105-130. Wiesbaden: Springer VS.

2019. Bierschenk, Thomas and Jean-Pierre Olivier de Sardan: "How to study bureaucracies ethnographically." Critique of Anthropology 39 (2): 243-257 doi: https://doi.org/10.1177/0308275X19842918.

2019. Bierschenk, Thomas: "Postface: Anthropology, bureaucracy and paperwork". Journal of Legal Pluralism 3 (2): 111-119. doi: https://doi.org/10.3167/jla.2019.030207. 

2019. Meyer, Bernd: Corpus based studies on interpreting and pragmatics. In: Tipton, R. and L. Desilla (eds.), The Routledge Handbook on Pragmatics and Translation, 75-92. Abingdon & New York, Routledge.

Konferenzen und Panels

2020, Politicized bureaucrats in and beyond Europe. Conflicting loyalties, professionalism and the law in the making of public services [LAWNET]. Panel organisiert von Sophie Andreetta und Annalena Kolloch, EASA 2020 (20.-24. Juli)

2020, Police-Translations: The Construction of Cultural Difference in European Police Work. Konferenz organisiert von Jan Beek, Thomas Bierschenk, Annalena Kolloch, Bernd Meyer, JGU Mainz (13.-15. Februar)

2019, Denied translations. Panel organisiert von Jan Beek, Thomas Bierschenk und Bernd Meyer bei der DGSKA Tagung, Konstanz (30. September)

 

Das Projekt 'Polizei-Translationen' in den Medien

"Studie zum Polizeialltag: Umgang mit sprachlichen und kulturellen Differenzen", Deutschlandfunk, "Aus Kultur und Sozialwissenschaften", 11. März 2021, von Michael Stang 

"Polizei und Rassismus: Unter Verdacht", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. November 2020, von Friederike Haupt

"Die Angst vor dem, was der Beruf mit einem macht", Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22. November 2020, von Friederike Haupt

"Umgang der Polizei mit anderen Kulturen", SWR 4 Rheinland-Pfalz, "Am Mittag", 28. Oktober 2020

"Mainzer Studie: Polizeiarbeit und die bunte Gesellschaft", Mainzer Allgemeine Zeitung, 26. Oktober 2020, von Paul Lassay https://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/mainzer-studie-polizeiarbeit-und-die-bunte-gesellschaft_22486557