Polizei-Translationen – Mehrsprachigkeit und die Konstruktion kultureller Differenz im polizeilichen Alltag

Der Anstieg der Zahl der Geflüchteten und Asylbewerber*innen vor einigen Jahren hat sichtbar gemacht, dass sich die Bundesrepublik Deutschland rapide wandelt. Der Transformationsprozess zu einer sprachlich und ethnisch zunehmend heterogenen Gesellschaft wurde dadurch beschleunigt, aber auch stärker hinterfragt. Die Polizei ist eine der wichtigsten und meistdiskutierten staatlichen Organisationen, die mit Migrant*innen interagiert – eine diverse Gruppe, die unterschiedliche Biographien und Aufenthaltskategorien umfasst. In den Medien und im öffentlichen Diskurs wird das Zusammentreffen zwischen Polizist*innen und Migrant*innen vor allem bei spektakulären Ereignissen thematisiert. Dabei wird kulturelle Fremdheit als wichtigster Bedingungsfaktor der Interaktion verstanden. Auf der alltäglichen Handlungsebene ist aber zunächst entscheidend, dass Polizeibeamt*innen immer öfter Zugewanderten aus unterschiedlichsten Weltregionen begegnen, die kein oder kaum Deutsch sprechen. Polizeibeamt*innen befinden sich daher immer häufiger in Interaktionssituationen, in denen sie wichtige Ermessensentscheidungen treffen sollen, aber keine gemeinsame Sprache mit ihrem Gegenüber teilen und mit Mehrsprachigkeit umgehen müssen. Auch Migrant*innen müssen in diesen Interaktionen sprachlich improvisieren, werden mit neuen Vorstellungen konfrontiert und müssen ihren oft unsicheren (Aufenthalts-)Status verteidigen. Das Projekt untersucht, wie beide Akteursgruppen in diesen alltäglichen Interaktionen zwischen unterschiedlichen Sprachen, und darüber hinaus zwischen unterschiedlichen normativen Vorstellungen übersetzen. Solche Vorstellungen werden in diesen Übersetzungen zur Sprache gebracht und ausgehandelt, ihre Gültigkeit wird bestätigt oder in Frage gestellt. Wahrgenommene kulturelle Differenz ist nicht Bedingung, sondern ein mögliches, dynamisches Ergebnis dieser Interaktionen.