Theresa Mentrup, M.A.

Thematische Schwerpunkte
Politik- und Rechtsethnologie, Humanitarismus, Ökologie(n) / Mensch-Umwelt-Beziehungen, Indigenität, soziale Bewegungen, Organisationsforschung, (Post)Kolonialismus, Gender & Sexualität

Regionale Schwerpunkte
Brasilien / Südamerika, Europa

 

QUEM CUIDA? – ÜBER- UND UMSETZUNG STAATLICHER FÜRSORGE IM NACHGANG DES DAMMBRUCHS VON BRUMADINHO (MINAS GERAIS / BRASILIEN) [Arbeitstitel]

Nach dem Bruch des Rückhaltebeckens einer Eisenerzmine des Unternehmens Vale in der Nähe von Brumadinho im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais am 25. Januar 2019 findet sich die brasilianische Regierung in einer problematischen Doppelrolle wieder: Auf der einen Seite begünstigt der Staat durch seine neoliberale Wirtschaftspolitik multinationale Unternehmen wie Vale, hat auf der anderen Seite seinen Bürger_innen gegenüber aber auch eine besondere Fürsorgepflicht inne – gerade im Angesicht einer solchen Katastrophe. Über finanzielle Sanktionen, aber auch Anklagen gegen den Konzern und den TÜV Süd hinaus hat der Fall vor allem zu einer andauernden, kontroversen Debatte über die Folgen und die Risiken von intensiver Ressourcenextraktion sowie die Rolle des Staates und seiner Verantwortlichkeiten geführt. Dabei haben die humanitären ebenso wie die ökologischen Konsequenzen des Ereignisses eine Vielzahl (inter)nationaler Akteure mobilisiert; die Folgen des Dammbruchs gehen also deutlich über die Trauer um die Opfer und das Bangen um Ausgleichzahlungen für das verlorene Hab und Gut unter den unmittelbar Betroffenen hinaus.

Vor dem Hintergrund konzeptueller Impulse aus dem Bereich der »Ethnologie der Katastrophe« sowie Auseinandersetzungen mit »Humanitarismus« und »Care« stellt das vorliegende Projekt ganz grundsätzlich die Frage nach den durch den Krisenfall konstituierten Möglichkeitsbedingungen politischen Handelns. Indem es dabei den »Ausnahmezustand« ins theoretische Zentrum der Untersuchung der Folgen des Dammbruchs von Brumadinho rückt, möchte es entlang der »frictions« (Tsing 2005) extraktiver Ökonomien die Bedeutung globaler Zusammenhänge im Angesicht ihres Zusammenbruchs sichtbar machen. Auf den durch den Katastrophenfall überhaupt ermöglichten hochspezifischen Artikulationsboden abzielend, der es der brasilianischen Regierung erlaubt, sich als Staat mit einer Fürsorgepflicht zu realisieren und zu behaupten, fragt das Projekt ebenso nach der strukturellen Organisation und Umsetzung staatlicher Rettungsoperationen und Hilfsleistungen auf verschiedenen Regierungsebenen wie gleichermaßen nach den durch den Ausnahmezustand zum Ausdruck kommenden übergeordneten Regierungslogiken.