Aktuelle Lehrveranstaltungen

Schimpfen, (Ver)Fluchen und Tabu: Transgression aus sprachanthropologischer Perspektive

Jun.-Prof. Nico Nassenstein

Kurzname: Schimpfen
Kursnummer: 07.798.160

Inhalt

Oft wird behauptet eine Sprache könne man erst richtig sprechen, wenn man Schimpfwörter beherrsche – Sprache am Rande des guten Geschmacks ist in vielerlei Hinsicht höchst populär und oft sogar gesellschaftstauglich (geworden). Dennoch gibt es Unterschiede, vor allem hinsichtlich des soziokulturellen Settings, in dem geflucht wird, den Gesprächspartnern, den kulturellen Konventionen, und der Definition von Tabus. In diesem Seminar wollen wir uns mit Praktiken transgressiver Sprache beschäftigen, mit dem Brechen gesellschaftlicher Tabus auf sprachlicher Ebene und mit der sozialen und kulturellen Bedeutung dieser Praktiken. Aus sprachanthropologischer Perspektive sollen Strategien verbaler Transgression untersucht und eingeordnet werden. Weshalb wird im Amazonasgebiet anders geflucht als im Kongobecken und in Rheinhessen? Welche multimodalen und komplexen Praktiken von "bad language" existieren, die nicht mit typischen Schimpfwörtern ausgedrückt werden, sondern andere Performanzen erfordern? Wer sind die Publika und die Adressaten von verbaler Transgression? Wer darf schimpfen (Gender, Alter, Gruppenzugehörigkeit), wer darf das nicht? Welche Funktion hat verbaler Tabubruch aus ethnologischer Perspektive, aus pragmatischer Perspektive, psychologischer/psycholinguistischer Perspektive und soziolinguistischer Perspektive?

In den Fokus der Lehrveranstaltung fallen einerseits Schimpfen und Fluchen (Swearing & Cursing), andererseits aber auch das Sprechen über Sex und Sexualität (Metasex: Dick pics, Foodporn, Sexting), sowie die Analyse komplexer Zusammenhänge von Sprache, Silence, Substanz, Mimesis, Lachen, und der Blick auf Tabus, die mit skatologischer Sprache, sexistischer und rassistischer Sprache zu tun haben, oder mit Gefahr (Giftmischen im Ostkongo, Namentabus im südlichen Afrika, etc.). Ferner wollen wir uns in diesem Seminar aus sprachanthropologischer Perspektive mit Verwünschung, Verfluchen und Wortzauber auseinandersetzen: Ebenfalls transgressive und gleichzeitig als transformativ intendierte Praktiken, die dem Adressaten Unglück und Leid zufügen sollen. Diese Praktiken sollen in ihrer historischen Tiefe beschrieben und auf aktuelle Kontexte angewandt werden, in denen Sprache als Machtinstrument zum Schweigen bringt, ausgrenzt, zum Fluch wird, Sprecher*innen mokiert und zerstört.

Empfohlene Literatur

Es sollen vor allem Teile aus den folgenden beiden Büchern gelesen und diskutiert werden, die als pdf zur Verfügung gestellt werden. 

Nassenstein, Nico & Anne Storch (eds). 2020. Swearing and Cursing: Contexts and Practices in a Critical Linguistic Perspective. Berlin: de Gruyter Mouton. 
Storch, Anne & Nico Nassenstein. 2020. Metasex: The Discourse of Transgression and Intimacy. Amsterdam: John Benjamins. 

Weiterhin sind für den Seminarkontext interessant:

Allan, Keith. 2018. The Oxford Handbook of Taboo Words and Language. Oxford: OUP.
Allan, Keith and Kate Burridge. 2006. Forbidden Words. Taboo and the Censoring of Language. Cambridge: Cambridge University Press.
Beers Fägersten, Kristy and Karyn Stapleton (eds.). 2017. Advances in Swearing Research: New Contexts and New Languages. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.
Jay, Timothy B. 2000. Why We Curse: A Neuro-Psycho-Social Theory of Speech. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins.
Jay, Timothy B. and Kristin Janschewitz. 2008. The pragmatics of swearing. Journal of Politeness Research: Language, Behavior, Culture 4 (2): 267–288.
Ljung, Magnus. 2010. Swearing: A Cross-cultural Linguistic Study. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
Mohr, Melissa. 2013. Holy Sh*t: A Brief History of Swearing. New York: Oxford University Press.
Müller, Klaus E. 2001. Wortzauber. Eine Ethnologie der Eloquenz. Frankfurt a.M.: Otto Lembeck. 
Storch, Anne. 2011. Secret Manipulations. New York: Oxford University Press.
Vingerhoets, Ad, Lauren M. Bylsma and Cornelis de Vlam. 2013. Swearing: A biopsychosocial perspective. Psychological Topics 22 (2): 287–304.

 

Voraussetzungen / Organisatorisches

Es sollen im Seminarverlauf kleine Projektarbeiten mitsamt anschließender kurzer Vorstellung übernommen werden. Ich erwarte in den Phasen digitaler Lehre in Konferenzräumen eingeschaltete Kameras (um einer besseren Kommunikation mit Bickkontakt und eines regeren Austauschs willen, vor allem, da es sich um ein Seminar handelt).
Digitale Lehre

Kurzbeschreibung:
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Beschreibung:

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Termine:

Datum (Wochentag)UhrzeitOrt

Semester: WiSe 2020/21