Stellvertretende Leitung

Leitung

(aktuell in Elternzeit)

Ethnografische Studiensammlung

Die Sammlung bewahrt etwa 2.800 Objekte, die vor allem aus Zentral- und Westafrika sowie aus Australien, Papua-Neuguinea und anderen Teilen Ozeaniens stammen. Die Gegenstände der vielfältigen Sammlung repräsentieren ein breites Spektrum von Aktivitäten, die von religiösen Praktiken über Jagd und Kriegsführung bis zu Musik und Haushalt reichen. Sie ist die einzige Sammlung ihrer Art in Rheinland-Pfalz und eine der größten universitären Sammlungen an der Mainzer Universität.

FSR Ethnologie: Die Ethnografische Studiensammlung mit der ehemaligen Kuratorin Dr. Anna-Maria Brandstetter (04.11.2020)

Viele Objekte kamen in der Zeit Ende des 19./ Anfang des 20. Jh. nach Europa. Es sind daher historische Objekte, die auf vergangene Lebenswelten verweisen und gleichzeitig von ihrer Aneignung in Europa im Kontext der kolonialen Eroberung Afrikas oder Ozeaniens erzählen.

Ausgewählte Objektbestände im Portal „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“

Über das Online-Portal „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ sind entsprechende Objektbestände der Ethnografischen Studiensammlung digital zugänglich. Das Portal umfasst Sammlungsgut aus formalen Kolonialherrschaften sowie aus Gebieten, in denen informelle koloniale Strukturen herrschten oder die unter informellem Einfluss von Kolonialmächten standen. Das Rechercheangebot und die Anzahl der erfassten Objekte werden kontinuierlich erweitert.

Die Ethnografische Studiensammlung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist nicht nur ein Ort der Aufbewahrung von Objekten, sondern auch ein dynamischer Raum für Forschung, Lehre sowie wissenschaftlichen und interkulturellen Austausch. Die Sammlung kann nach vorheriger Absprache mit der Sammlungsleitung gerne besichtigt werden. Darüber hinaus werden regelmäßig Führungen angeboten oder können individuell vereinbart werden. Öffentlich gezeigt werden ausgewählte Objekte immer wieder in Ausstellungen an der Johannes Gutenberg-Universität oder als Leihgaben an Museen und anderen Kultureinrichtungen.

Die magazinierte Ethnografische Sammlung ist als Lehr- und Forschungssammlung konzipiert. Den Grundstock bilden die über 500 Objekte von den Bolia und Ekonda aus dem äquatorialen Regenwald des Kongo, die während der „Mainzer Kongo-Expedition“ (1951-54) unter Leitung von Erika Sulzmann zusammen mit Ernst W. Müller gesammelt wurden. Dieser Reise folgten zwischen 1956 und 1980 noch acht weitere Reisen zu den Bolia und benachbarten Gruppen, bei denen Erika Sulzmann den Bestand der Mainzer Sammlung beständig erweiterte. Dazu kamen in den 1950er und 1960er Jahren Forschungsreisen nach Pakistan (Hindukusch-Expedition 1955/56), Afghanistan (Stuttgarter Badakshan-Expedition 1962/63) und Westafrika (u.a. Hamburger Obervolta-Expedition 1954/55; Haberland-Reise 1966). Durch den Tausch mit verschiedenen Instituten und Museen wurde die Sammlung ergänzt und ausgebaut. Mit dem Frobenius-Institut in Frankfurt tauschte man 1968 Objekte von den Ekonda gegen eine kleine Äthiopien-Sammlung. Im Jahr 1971 gab das Institut die 732 umfassende wertvolle Pakistan- und Afghanistan-Sammlung an das Linden-Museum in Stuttgart und erhielt im Tausch 637 Objekte vor allem aus Afrika (u.a. von den Maasai und aus Kamerun), aber auch aus Ozeanien (insbesondere Papua-Neuguinea und Australien). Vor allem diese Objekte aus dem Tausch mit dem Linden-Museum kamen in der Zeit Ende des 19./ Anfang des 20. Jh. nach Europa und stehen heute im Zentrum einer kritischen Auseinandersetzung.Im Sammlungskonzept ist festgelegt, dass die Sammlung nicht systematisch durch Ankäufe erweitert werden soll. Dennoch kommen immer wieder neue Objekte in die Sammlung, wie beispielsweise die Objekte von den Unabhängigkeitsjubiläen in Afrika von 2007 bis 2011 oder im Oktober 2015 eine Sammlung von 30 kleinen geflochtenen Körben agaseke, die Frau und Herr Anger in den 1980er Jahren in Ruanda erworben haben. Ebenso übernahm die Studiensammlung Teepäckchen, die Ute Röschenthaler im Rahmen ihrer Forschung zusammengetragen hat. Diese sind über ein virtuelles Museum einsehbar.

Der etwa 2.200 Objekte umfassende Bestand der Sammlung Afrika kommt aus unterschiedlichen Regionen und Sammlungskontexten. Den Grundstock bilden die über 500 Objekte von den Bolia und Ekonda aus dem äquatorialen Regenwald des Kongo, die während der „Mainzer Kongo-Expedition“ (1951-54) unter Leitung von Erika Sulzmann zusammen mit Ernst W. Müller gesammelt wurden. Dieser Reise folgten zwischen 1956 und 1980 noch acht weitere Reisen zu den Bolia und ihren Nachbarn, bei denen Erika Sulzmann den Bestand der Mainzer Sammlung beständig erweiterte. 

Auch wenn die Sammlung nicht systematisch durch Ankäufe erweitert wird, finden immer wieder neue Objekte den Weg in die Sammlung, wie beispielsweise die Objekte von den Unabhängigkeitsjubiläen in Afrika von 2007 bis 2011 oder 30 kleine geflochtene Körbe agaseke, die Frau und Herr Anger in den 1980er Jahren in Ruanda erworben und im Oktober 2015 großzügig der Sammlung anvertraut haben.

Objekte von den afrikanischen Unabhängigkeitsjubiläen 2007-2011

2012 wurden 153 Objekte aus elf verschiedenen afrikanischen Ländern in die Sammlung aufgenommen. Es sind Objekte von den Unabhängigkeitsjubiläen, die diese Länder zwischen 2007 (Ghana) und 2011 (Tansania) begingen: Paraphernalia aller Art mit Jubiläums-Logos und Merchandise-Artikel wie Hüte, T-Shirts, Erinnerungsstoffe, Kugelschreiber, Wimpel, Tassen und Schlüsselanhänger. 

Das Besondere dieser Sammlung besteht darin, dass der Erwerb der zeitgenössischen Objekte dokumentiert ist und dass der Kontext der Objekte durch die umfangreiche Online-Bilddatenbank mit Fotos, Dokumenten und Zeitungsartikeln zu den Unabhängigkeitsjubiläen erschlossen werden kann.

Der Gedenkkopf ist aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria. Einst stand er auf einem Altar zu Ehren eines verstorbenen Edo-Königs. Der Gedenkkopf gehört zu den geschätzt über 4.000 Messing- und Elfenbeinarbeiten, die britische Kolonialtruppen Eroberung des Königspalastes im Februar 1897 raubten. Über Lagos, Berlin und Stuttgart kam die Bronze 1971 nach Mainz. Seit Jahren wartet der Gedenkkopf darauf, nach Nigeria zurückzukehren. Zeit, um Abschied zu nehmen!

Geehrt — verkannt – geplündert – geteilt — gekauft — getauscht – nach Hause?

Mit diesen Wörtern lässt sich die Geschichte des Gedenkkopfs für einen Edo-König in der Ethnografischen Studiensammlung der Universität Mainz zusammenfassen. Die Wörter stehen für die Etappen und zugleich die Transformationen, die das Objekt bis jetzt erfahren hat. Die bewegte Geschichte des Gedenkkopfs ist hier zusammengefasst.

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist zur Rückgabe des Gedenkkopfs für einen verstorbenen Edo-König, der zurzeit in der Ethnografischen Studiensammlung bewahrt wird, bereit. Die zuständige Trägerin hat im September 2020 Jahr dem Legacy Restoration Trust bereits das Angebot der Rückgabe gemacht. Die Universität hat sich auch der Erklärung vom 29. April 2021 und dem dort skizzierten weiteren Vorgehen gerne angeschlossen. Bis zum Sommer 2021 wollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer „konkrete Handlungsschritte und einen Fahrplan für die anstehenden Gespräche“ entwickeln. Am 11. Januar 2022 gab es nun ein weiteres Treffen zum Umgang mit den Benin-Objekten in deutschen Sammlungen und Museen, zum dem Kulturstaatsministerin Roth eingeladen hat. Bei diesem Treffen wurde mitgeteilt, dass es Eigentumsübertragungen und Rückgaben auf jeden Fall im Jahr 2022 geben wird.

* in Anlehnung an „Nofretete will nach Hause“ von Gert von Paczensky und Herbert Ganslmayr (München 1984)

  • Eindrücke von der Führung am 10. April 2022 im Landesmuseum Mainz im Rahmen des Tags der Provenienzforschung 2022, Fotos:© Anne Brandstetter, Axel Brandstetter und Heike Drotbohm

Die Geschichte der Ethnografischen Sammlung ist eng mit dem Namen von Erika Sulzmann verbunden. Erika Sulzmann wurde am 7. Januar 1911 in Mainz geboren, wo sie am 17. Juni 1989 auch verstorben ist. Nach dem Abitur im Jahr 1930 arbeitete sie zunächst als Fotografin, Grafikerin und Bibliothekarin für das Frobenius-Institut in Frankfurt am Main. Dort entwickelte sich auch ihr Interesse an der Ethnologie und Afrika, weshalb sie 1941 in Wien bei dem Afrikanisten Hermann Baumann das Studium der Völkerkunde begann. 1947 promovierte sie bei Wilhelm Koppers mit einer Dissertation über die Suche nach dem „Ursprung“ der Mongo im Kongo. Sulzmann unternahm dabei den Versuch, anhand der Literatur über die materielle Kultur deren Migration und Verbreitung zu rekonstruieren. 1948 kam sie als Assistentin an das neu eingerichtete Institut für Völkerkunde der Universität Mainz und begann 1950 mit dem Aufbau der Ethnografischen Studiensammlung, deren Kuratorin sie von 1960 bis 1976 war. Auch nach dem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1976 blieb sie bis kurz vor ihrem Tod dem Institut aktiv und engagiert verbunden. 

Die gebürtige Mainzerin war eine der ersten Frauen des 20. Jahrhunderts, die eigenständig ethnografische Forschungsreisen leiteten. Die „Mainzer Kongo-Expedition“ (1951-54) war einer der ersten größeren deutschen Forschungsreisen der Nachkriegszeit, die Erika Sulzmann zu den Ekonda und Bolia in äquatorialen Regenwald des Kongo führte. Die über 500 dort erworbenen Objekte bilden den Grundstock der ethnografischen Sammlung in Mainz, welchen sie durch Ankäufe während acht weiterer Reisen in den Jahren von 1956 bis 1980 in den Kongo ergänzen konnte.

  • Brandstetter, Anna-Maria, 2001: „Dr. Erika Sulzmann (1911-1989). Afrikaforscherin aus Leidenschaft“. In: Brüchert, Hedwig (Hg.): Frauen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in den Anfangsjahren des Landes Rheinland-Pfalz. Mainz: v. Hase und Köhler, 414-17. 
  • Brandstetter, Anna-Maria, 2006: „Erika Sulzmann zwischen Mainz und Kongo“. In: Brandstetter, Anna-Maria Und Carola Lentz (Hg.): 60 Jahre Institut für Ethnologie und Afrikastudien. Ein Geburtstagsbuch. Köln: Köppe, 87-95. 
  • Kohl, Karl-Heinz, 1996: „Geordnete Fremde. Die Ethnographische Sammlung des Mainzer Instituts für Ethnologie und Afrikastudien“. In: ders. (Hg.), 1996: Das exotische Ding. Geschichten einer Sammlung. Mainz: Institut für Ethnologie und Afrikastudien, JGU Mainz, 11-22. [Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung anläßlich des 50. Jahrestags der Wiederbegründung der JGU Mainz, 18.4.-30.5.1996] 
  • Schröter, Susanne, 1996: „Die Sammlerin der Dinge. Erika Sulzmann, Forscherin in Afrika“. In: Kohl, Karl-Heinz (Hg.): Das exotische Ding. Geschichten einer Sammlung. Mainz: Institut für Ethnologie und Afrikastudien, JGU Mainz, 23-34.

Die Objekte aus der Studiensammlung sind immer wieder „zu Gast in … “ Museen und Ausstellungsräumen außerhalb der Universität. Durch Leihgaben für Ausstellungen in Museen oder durch Ausstellungsbeteiligungen sind sie damit auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

„Heikles Erbe“ im Landesmuseum Hannover (30. Sept. 2016 – 26. Febr. 2017)

Ten objects, collected in the context of the research project The Poetics and Politics of National Commemoration in Africa directed by Carola Lentz were on loan to the Landesmuseum Hannover and featured in the part „Transitions to the Postcolonial“ of the exhibition “Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart” (30th September 2016 to 26th February 2017). Since 2012, the 153 objects which range from hats, t-shirts and commemorative cloths to cups, ball pens and pennants from ten different African countries have been part of the collection’s holdings.

„Ziemlich beste Freunde“ – Ausstellungsreihe in Mainzer Museen (2. Juli – 4. September 2016)

Objekte verschiedenster Art aus den Sammlungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wanderten zwischen März und September 2016 durch die Museen der Landeshauptstadt. Sie gesellten sich zu den Objekten in den Dauerausstellungen vor Ort, und die überraschenden Nachbarschaften eröffneten neue Sichtweisen auf Gäste und Gastgeber. 

Die letzte Station der Reise Ziemlich beste Freunde war das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum Mainz, wo vom 2. Juli bis 4. September eine leuchtendgrüne Plastikpuppe aus Nigeria und einen Tausendfüßer in Formaldehyd aus dem kongolesischen Regenwald zu sehen waren.

„Der Wert der Originals“ in Marbach (3. Nov. 2014 – 13. Sept. 2015)

Für die Ausstellung Der Wert des Originals im Literaturmuseum der Moderne in Marbach hat die Ethnografische Sammlung eine Tjurunga aus Zentralaustralien ausgeliehen, die um 1906 durch den Missionar und Ethnologen Carl Strehlow nach Deutschland kam. 

Den Arrernte gelten Tjurunga als Verköperungen der mythischen Schöpferwesen und deren Kraft. Man nahm an, dass jeder Mensch die Reinkarnation eines solchen mythischen Vorfahren ist, mit dem er durch seine persönliche Tjurunga verbunden ist. Tjurunga wurden an heiligen Orten verwahrt und durften nur von eingeweihten Männern gesehen werden. Tjurunga sind «secret-sacred»-Objekte. Daher die Entscheidung, die Tjurunga in der Marbacher Ausstellung nur verhüllt zu zeigen. 

Mit der Frage, ob und wie Museen Geheimes und Sakrales ausstellen können, befasste sich das Projekt [Offene] Geheimnisse im Humbold Lab Dahlem (vom 23. September 2014 bis 22. Februar 2015). 

Tjurunga | Arrernte (Aranda), Zentralaustralien | Stein, rötlicher Farbstoff (wahrscheinlich Ocker) | L 19,2 cm B 11,4 cm Dicke 0,7 cm | Inv.-Nr. 1989 | Carl Strehlow, bis etwa 1906 / etwa 1906-1913: Städtisches Völkermuseum, Frankfurt a. M. (heute: Weltkulturen Museum) | 1913-1971 Linden-Museum, Stuttgart 

Die Ethnografische Studiensammlung bietet eine besondere Möglichkeit, sich mit ethnologischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Regelmäßig werden Objekte aus der Sammlung in die universitäre Lehre eingebunden, um eine praxisorientierte Beschäftigung mit Dingen zu ermöglichen. Die Objekte dienen dabei als anschauliche Beispiele, die theoretische Diskussionen konkretisieren und vertiefen. 

Studierende erhalten außerdem Einblicke in die vielfältigen Aufgabenbereiche von Museen und die aktuellen fachlichen Debatten. Auf diese Weise erwerben sie Fähigkeiten und Kenntnisse, die für den späteren Berufseinstieg – insbesondere im musealen Kontext – von hoher Relevanz sind. 

Das forschende Lernen an und mit musealisierten Objekten fördert nicht nur ein vertieftes Verständnis ethnologischer Konzepte, sondern auch den Aufbau praktischer Kompetenzen im Umgang mit Sammlungsgut. Die Ethnografische Studiensammlung stellt damit eine zentrale Grundlage für die Ausbildung zukünftiger Museumsexpert*innen dar – einem wichtigen Berufsfeld für Ethnolog*innen.

Regelmäßig stattfindende Lehrveranstaltungen wie die „Einführung in die Ethnologie der Dinge“ vermitteln grundlegende Auseinandersetzungen mit Dingen in der Geschichte der Ethnologie. Ergänzt werden sie durch themenspezifische Seminare zu aktuellen Fragestellungen – etwa zur „Zukunft der Museen“, zur „Ethnologischen Provenienzforschung“, oder zu Themen wie „Museum, Archiv, Postkolonialismus“.

Die Ethnografische Studiensammlung bietet Studierenden des ifeas vielfältige Möglichkeiten für eine praxisnahe Forschung. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten entstehen auf Grundlage der Sammlung – von Hausarbeiten über Bachelor- und Masterarbeiten bis hin zu Dissertationen. Darüber hinaus wird die Sammlung regelmäßig wissenschaftlich erforscht und dient als Plattform für akademischen Austausch. Sie lädt dazu ein, sich intensiv mit den Objekten, ihrer Bedeutung, ihrem Umgang und den damit verbundenen Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Scheibinger, Lena. 2023. Vom Wissen der Dinge. Zum Verhältnis von ethnografischen Sammelpraktiken und ethnologischer Theoriebildung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. Arbeitspapiere des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Working Papers of the Department of Anthropology and African Studies of the Johannes Gutenberg University Mainz) 204.  

Lena Scheibinger: Gesammelte Beziehungen. Postkoloniale Rückbindung eines Sammlungs- und Archivbestands aus dem kongolesischen Regenwald (Arbeitstitel).

Anhand des Forschungsnachlasses der Mainzer Ethnologin und Kustodin Erika Sulzmann (1911-1989) frage ich in meinem Promotionsprojekt, wie ein materielles Kulturerbe, das transnationale Referenzpunkte aufweist, jenseits eurozentrischer Wissensordnungen in heutigen Museumssphären und Lebenswelten im Herkunftsland produktiv gemacht werden kann. Über einen Zeitraum von rund 30 Jahren führten Erika Sulzmann ausgehend von der „Mainzer Kongo-Expedition“ (1951-1954) im damaligen Belgisch-Kongo insgesamt neun Forschungsreisen vornehmlich zu Ekonda und Bolia im äquatorialen Regenwald der heutigen Demokratische Republik Kongo. Während dieser Feldaufenthalte kaufte und dokumentierte sie knapp 1.000 kulturelle Artefakte, mitunter als Auftragsarbeiten und mit Unterstützung eines lokalen Forschungsassistenten, für die Ethnografische Studiensammlung Mainz. Daneben erstellte sie rund 12.000 Diaaufnahmen, fertigte drei Kurzfilme für das Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen an, produzierte zwei Fernsehfilme in Zusammenarbeit mit dem Südwestfunk und zeichnete Interviews auf rund 150 Magnettonbändern auf. Parallel entstand ein Korpus an Papierdokumenten in Gestalt von Forschungsnotizen, Manuskripten, Exzerpten, Archivabschriften und Korrespondenzen. Diese multimedialen Hinterlassenschaften, die exemplarisch von der Verflechtung des kulturellen Erbes einer spezifischen Lebenswelt mit dem wissenschaftlichen Erbe einer akademischen Disziplin zeugen, konzeptualisiere ich in meinem Promotionsprojekt als Träger eines sozio-materiellen Beziehungsnetzes. Zur Wiederherstellung von Verbindungen, die Prozesse der Entortung und Neuverortung unterbrochen haben, schlage ich in meinem Promotionsprojekt proaktiv eine Rückbindung für diesen bislang kaum erschlossenen und nicht genutzten Wissensspeicher an seinen Entstehungsort vor. In einer dialogischen Wissensproduktion wird gemeinsam mit kongolesischen Akteur:innen in Gesprächen und Workshops ermittelt werden, welche gegenwärtige Bedeutung und Verwendung diesem Forschungsnachlass zukommen kann.

Dealing with Heritage. Über Dinge, Beziehungen, Erinnern

Tagung über den Umgang mit Dingen in ethnologischen Sammlungen und Museen (JGU Mainz, 16.2.2024).

Nicht nur Raubkunst! Sensible Dinge in Museen und universitären Sammlungen

Öffentliche Sammlungen bewahren vielfach Dinge, die heute aus ethischen Gründen als sensibel eingestuft werden. Im Fokus stehen seit einigen Jahren die NS-Raubkunst und zunehmend auch Kulturgüter, die im Rahmen der Kolonialisierung nach Europa verbracht wurden. Doch gibt es noch viele weitere Arten sensibler Dinge wie sterbliche Überreste, religiöse Artefakte, illegal gehandelte Antiken oder unter den Artenschutz fallende Naturalia. Der Band wählt eine dezidiert vergleichende Perspektive und geht der Frage nach einem angemessenen Umgang mit diesen Objekten disziplinen- und institutionenübergreifend nach. Durch den Erfahrungsaustausch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Museen und Universitäten nimmt er das Thema erstmals auch systematisch für universitäre Sammlungen in den Blick, die aufgrund ihrer Heterogenität ein besonders breites Spektrum potentiell sensibler Objekte abdecken.

„Nicht nur Raubkunst! Sensible Dinge in Museen und universitären Sammlungen“ wird von Anne Brandstetter und Vera Hierholzer (ehem. Leiterin der Sammlungskoordination an der JGU) herausgegeben. Er geht auf die Tagung gleichen Namens zurück, die am 21. und 22. Januar 2016 an der JGU Mainz stattfand.

Der Händler Adolf Diehl (1870-1943) in Kamerun

Provenienzforschungsprojekt von Anna-Maria Brandstetter und Christraud Geary, freie Wissenschaftlerin und Teel Senior Curator Emerita of African and Oceanic Art am Museum of Fine Arts in Boston

Der gebürtige Oppenheimer Adolf Diehl (1870-1943) war von etwa 1901 bis 1911 in Kamerun und ließ bei Kunsthandwerkern in großem Umfang kulturelle Artefakte fertigen, die er Museen in Deutschland verkaufte. Allein das Linden-Museum Stuttgart erwarb zwischen 1907 und 1912 2.268 Objekte von Diehl. Von dieser Kamerun-Sammlung kamen 48 Objekte durch einen umfangreichen Tauschen zwischen dem Stuttgarter Museum und dem Mainzer Institut für Ethnologie und Afrikastudien in die Ethnografische Studiensammlung, wo sie seit 1971 inventarisiert sind. Das Projekt untersucht die Aktivitäten und Netzwerke eines der erfolgreichsten unabhängigen Händler kultureller Artefakte in der Kolonialzeit.

Das Expert:innen-Netzwerk zum Umgang mit menschlichen Überresten hat eine Stellungnahme zum geplanten Restitutionsfonds für menschliche Überreste veröffentlicht

Das Netzwerk ist ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Wissenschaftler:innen, die sich in ihrer praktischen oder theoretischen Arbeit mit menschlichen Überresten beschäftigen. Ziel ist ein angemessener Umgang mit den sterblichen Überresten von Menschen in Museen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Das Netzwerk existiert seit 2021 und ist ein assoziierter Teil der AG Koloniale Provenienzen des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V.

Zürcher Erklärung 2024  / Zurich Declaration 2024

Museen, Öffentlichkeit, Politik und Medien in der Pflicht

Im Mai 2019 publizierte die Jahreskonferenz der Direktorinnen und Direktoren der Ethnologischen und Weltkulturen-Museen und Sammlungen im deutschsprachigen Raum die Heidelberger Stellungnahme mit dem Titel «Dekolonisierung erfordert Dialog, Expertise und Unterstützung». Wir begrüßen, dass die Heidelberger Stellungnahme inzwischen selbstverständlich als Stimme unserer Museen anerkannt wird.

Mit dieser Zürcher Erklärung 2024 rücken wir die Potenziale der Ethnologischen und Weltkulturen-Museen und Sammlungen vor dem Hintergrund global erstarkender Nationalismen und Krisen weiter ins Bewusstsein von Öffentlichkeit, Politik und Medien.

Abb.: Dr. Anna-Maria Brandstetter und Dr. Rachel Mariembe begutachten gemeinsam im Depot der Ethnografischen Studiensammlung am 11. April 2022 einen Maskenaufsatz aus Babanki in Kamerun. Foto: Bianca Baumann.

Innerhalb der sogenannten 3-Wege-Strategie der Bund-Länder-AG sollten auch die Bestände menschlicher Überreste aus kolonialen Kontexten in deutschen Sammlungen transparent zugänglich gemacht werden. In der ersten Pilotphase waren diese über das neu entwickelte CCC-Portal der Deutschen Digitalen Bibliothek einsehbar. Nach Protesten aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Öffentlichkeit wurden sie entfernt. Dabei ging es weniger um das Erfordernis der Transparenz, das von allen Beteiligten unterstützt wird, sondern um die Frage nach der Art und Weise wie diese mit der Sensibilität menschlicher Überreste in Einklang gebracht werden kann. Zu dieser Frage möchte die Arbeitsgruppe menschliche Überreste der AG Koloniale Provenienzen im Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. im Folgenden einen Vorschlag unterbreiten, der drei zentrale Thesen umfasst.

Text: Vorschlag zum Umgang mit menschlichen Überresten im Rahmen der Umsetzung der 3-Wege-Strategie 

Initiiert wurde der Tag der Provenienzforschung von Mitgliedern des Arbeitskreis Provenienzforschung e.V., dem mit über 330 Mitgliedern weltweit größten Zusammenschluss von Provenienzforscher*innen. Ziel ist es, auf die Komplexität und Vielfalt dieser Disziplin aufmerksam zu machen. Anlässlich dieses Tages, wird das Landesmuseum Mainz täglich ein Projekt auf seinem Facebook- und Instagram-Account vorstellen, darunter auch das Forschungsprojekt Adolf Diehl (1870-1943). Der gebürtige Oppenheimer war von etwa 1901 bis 1911 in Kamerun und ließ dort bei Kunsthandwerkern in großem Umfang kulturelle Artefakte fertigen. Diese verkaufte er an Museen in Deutschland. Das Projekt untersucht die Aktivitäten und Netzwerke eines der erfolgreichsten unabhängigen Sammler in der Kolonialzeit.

Foto: Elefantenmaske | Werkstatt in Fossong-Wentschen, Bamileke-Region | Kamerun, 19. Jh. | Sammler: Adolf Diehl | gekauft nach 1900 | 1909 im Linden-Museum Stuttgart inventarisiert | seit 1971 an der JGU Mainz | Stoff, Glasperlen, Pflanzenfasern | © Thomas Hartmann, Universitätsbibliothek Mainz / Gestaltung: @artefont

Heidelberger Stellungnahme / The Heidelberg Statement

Dekolonisierung erfordert Dialog, Expertise und Unterstützung 

Anlässlich der Jahreskonferenz 2019 der Direktor/innen der Ethnologischen Museen im deutschsprachigen Raum in Heidelberg wurde die folgende Stellungnahme verabschiedet.

Im deutschsprachigen Raum bewahren mehr als zwanzig öffentliche ethnologische und Weltkulturen-
Museen, Universitätsmuseen und -sammlungen sowie ethnologische Abteilungen in Mehrspartenmuseen
eine bedeutende Anzahl an Sammlungen mit kulturellen Artefakten, Fotografien, Film- und
Tondokumenten sowie Schriftarchiven. Diese Sammlungen erhalten wir in treuhänderischer Sorgfaltspflicht.
Über die Objekte wurden Beziehungen zwischen Menschen angelegt, die für jene, die sie einst
herstellten, für ihre Nachfahr/innen wie auch insgesamt für alle Gesellschaften bedeutsam waren und
bis heute sind. Diese Beziehungen stehen – ähnlich Diaspora-Verbindungen – im Vordergrund unserer
Aufmerksamkeit.

Abb.: Sieben Skulpturen der Bwiti-Religion | unbekannte Hersteller | Libreville (Gabun), vor 1971 (1960er Jahre?) | Sammlerin: Irene Löffler (Feldforschung in Gabun 1971-1972) | gekauft 1971 | Holz, Farbpigmente, Textilien, Spiegel, Pflanzenfasern, Metall | Höhe: 18-36,5 cm | Foto: Thomas Hartmann, Universitätsbibliothek Mainz


Podiumsdiskussion mit Dr. Anna-Maria Brandstetter, Prof. Karl-Heinz Kohl, Dr. Stefan Naas MdL und Dr. Eva Ch. Raabe, moderiert von Mariela Milkowa. Im Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg v.d.H. / Dienstag, 12. November, 19 Uhr

Welche Schritte müssen durchgeführt werden, um einen rechtmäßigen Umgang mit den Kulturgütern aus kolonialem Kontext sicherzustellen? Podiumsdiskussion der Friedrich-Naumann-Stiftung. Mehr Informationen finden Sie hier.

Foto: Aufsatzmaske | unbekannter Meister der Babanki | Kamerun, 19. Jh. | Sammler: Adolf Diehl | gekauft nach 1900 | 1909 im Linden-Museum Stuttgart inventarisiert | seit 1971 an der JGU Mainz | Holz, Farbpigmente | Foto: Thomas Hartmann, Universitätsbibliothek Mainz

Nahezu alle Beiträge der Tagung der 10. Sammlungstagung/ 7. Jahrestagung der Gesellschaft für Universitätssammlungen e. V. vom 13. bis 15. September 2018 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sind hier versammelt. Die Dokumentation umfasst Kurzfassungen der Vorträge, Berichte aus den Workshops und die Poster des Posterslams sowie einen Tagungsbericht und einige fotografische Impressionen der Tagung.

Anna-Maria Brandstetter nahm an dem Radiogespräch von Deutschlandfunk Kultur über „Bronzekunst und Schrumpfköpfe in Europa. Wem gehört Kulturgut aus Übersee?“ teil, zusammen mit Stefan Koldehoff, Hermann Parzinger und Joachim Zeller und moderiert von Annette Riedel.

(dlf) Viele europäische Museen stellen menschliche Überreste und wertvolle Kulturgüter aus Übersee aus. Einiges davon wurde zu Zeiten des Kolonialismus geraubt. Wie viel Raubkunst steckt in unseren Völkerkundemuseen? Doch wem gehören diese Schätze aus außereuropäischen Ländern eigentlich? Müssten Kulturgüter, die dank kolonialer Unterdrückung nach Europa gelangt sind, nicht zurückgegeben werden? Von menschlichen Überresten ganz zu schweigen. Was wissen wir überhaupt darüber, wie diese Objekte in die Länder des Nordens gekommen sind? Brauchen wir eine Provenienzforschung auch für außereuropäische Kunst? Denn vieles ist Raubgut, aber nicht alles

Der Band „Wertsachen“, herausgegeben von Vera Hierholzer, stellt die Sammlungen der JGU erstmals gemeinsam vor und zeigt mit zahlreichen Abbildungen ihre faszinierende Vielfalt. Forschende wie auch Lehrende nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine Forschungsreise und geben Einblicke in ihre Arbeitsweisen und -plätze. Gleichfalls möchte die Publikation neue und interdisziplinäre Blickweisen durch das Verknüpfen unterschiedlicher Objekte anregen. Neben dem Beitrag über die Ethnografische Studiensammlung (S. 88-93) gibt es einen Werkstattbericht über eine laufende Provenienzforschung von Anna-Maria Brandstetter: „Ein Parierschild aus Australien“ (S. 210-212).

Leseprobe

Anna-Maria Brandstetter was interviewed by Sigrid Brinkmann on the occasion of the kick-off workshop “Museums Conversations” in Kigali (Rwanda): Wie könnte ein postkoloniales Museum aussehen? Das Goethe Institut diskutiert // Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 9th of July 2018

Anna-Maria Brandstetter participated in the kick-off workshop of the series “Museum Conversations”, organised by the Goethe-Institut Kigali and hosted by the Institute of National Museums of Rwanda (9th July). The conversations at the Kandt House Museum Kigali brought together international academics, museum experts and curators to discuss the future of African museums from a post-colonial perspective. The participants explored how one can network African museum actors more closely in order to initiate a discourse on new museum concepts and exhibition facilities. They also discussed the return of cultural artefacts that were dislocated during colonial times and are currently preserved in museums across Europa and Northamerica.

Am 15. November 2017 öffnen die 30 Sammlungen der JGU ihre Türen für Sie – auch die Ethnografische Studiensammlung.

Kommen Sie zu den Führungen, um 12:00 Uhr, 14:00 Uhr oder 16:00 Uhr, die jeweils eine Stunde dauern, lassen Sie sich die Schätze der Sammlung zeigen und erklären, welche Aufgaben und Herausforderungen damit verbunden sind.
Treffpunkt für die Führungen ist der Eingangsbereich Erdgeschoss von Forum universitatis, Johann-Joachim-Becher-Weg 4. Ich freue mich auf Ihren Besuch.

Weitere Informationen dazu und einen genauen Lageplan finden Sie auf dem Flyer.

Foto // grüne Plastikuppe, Massenproduktion in lokaler Fabrik, vermutl. Nigeria, gekauft 2002 auf dem Markt in Azare (Nordnigeria) von Nadia Cohen // blaue und gelbe Püppchen, Massenproduktion, gekauft 2014 auf dem Markt in Sokodé (Togo) von Andreas Springer-Heintze. Foto: Thomas Hartmann, Universitätsbibliothek Mainz

Kulturgespräch mit Dr. Anna-Maria Brandstetter, Kuratorin der ethnographischen Studiensammlung der Uni Mainz

Obwohl der deutsche Kolonialismus schon seit rund 100 Jahren Geschichte ist, lagern in den Kellern vieler Museen und Institute noch immer zweifelhafte Belege aus dieser Epoche: Zehntausende menschliche Schädel und Knochen, die deutsche Wissenschaftler aus den Kolonien mitgebracht haben, um an ihnen zu forschen. Seit Jahrzehnten hat sich niemand mehr um diese Sammlungen gekümmert. Doch allmählich werden sie zu einem ethischen Problem, das sich nicht mehr verdrängen lässt. „Es ist unsere Aufgabe, transparent zu machen, welche Objekte genau in den Museen lagern“, sagt Anna-Maria Brandstetter, Kuratorin der ethnographischen Studiensammlung der Uni Mainz.

Objekte verschiedenster Art aus den Sammlungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wanderten zwischen März und September 2016 durch die Museen der Landeshauptstadt. Sie gesellten sich zu den Objekten in den Dauerausstellungen vor Ort, und die überraschenden Nachbarschaften eröffneten neue Sichtweisen auf Gäste und Gastgeber.

Die letzte Station der Reise Ziemlich beste Freunde war das Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz, wo vom 2. Juli bis 4. September eine leuchtendgrüne Plastikpuppe aus Nigeria und einen Tausendfüßer in Formaldehyd aus dem kongolesischen Regenwald zu sehen sind

In dem Vortrag am Museum Natur und Mensch in Freiburg befasste sich Anne Brandstetter, Kuratorin der Ethnografischen Studiensammlung, mit den post-kolonialen Verflechtungen der höfischen Kunst aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria, die durch Militärs, Händler und Kolonialbeamte nach Europa kam. Es war der letzte Vortrag in der Veranstaltungsreihe zum 10-jährigen Jubiläum von freiburg postkolonial.

Im April 2014 gestaltete Linda Selig, Studentin der Ethnologie, die Ausstellungsminiatur „Von Neuguinea über Biebrich nach Mainz“, die sich mit der Geschichte einer Sammlung von 42 Objekten aus Papua-Neuguinea befasste, die in den Jahren 1950 und 1951 in die Studiensammlung des damaligen Mainzer Instituts für Völkerkunde kamen. Sie gehörten Karoline und Gustav Bergmann, die von 1888 bis 1904 die Missionsstation der Rheinischen Missionsgesellschaft auf der Insel Siar leiteten. Die Insel liegt vor der Nordostküste Neuguineas und war bis 1914 Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea. Die meisten Objekte hat Karoline Bergmann als Dank für die von ihr geleistete medizinische Behandlung erhalten.

Das Foto zeigt die Biebricher Missionarin Karoline Bergmann (1864-1952) und ihren Mann Gustav Bergmann (1856-1904) vermutlich zur Zeit ihrer Verlobung, etwa 1887. (Foto: E. Flasche, Barmen; in Besitz von Peter-Michael Glöckler, Wiesbaden)

Die Ausstellungsminiatur zeigt Steinzeugkrüge aus dem Westerwald, die ab dem 17. Jh. nach Holland und England verkauft wurden und von dort mit Handelsschiffen nach Afrika und Asien kamen. Als Geschenke für lokale Herrscher und im Tausch gegen Gold, Sklaven und Elfenbein verbreiteten sich die Krüge an den Küs­ten West- und Zentralafrikas.

Mbong’e kongo oder „Kongokrüge“ nannten die Bolia und ihre Nachbarn die Krüge, die über Zwischenhändler von der Kongoküste bis an den Äquator ge­langten. Die Krüge waren Prestigegüter und erfüllten auch eine Funk­tion in der Rechtsprechung. Stiegen die Preise von Lebensmit­teln zu sehr, verordnete der König neue Preise und zerbrach zur Bekräftigung einen „Kongokrug“. Als er 1958 seinen letzten Krug zerschlug, beauftragte Erika Sulzmann, die Begründerin der Mainzer ethnografischen Sammlung, die Manu­faktur Merkelbach in Höhr-Grenzhausen zwölf neue Krüge nach Originalvorbild für den König zu fertigen (Krug links unten).

Verflechtungsgeschichte: Anhand der Krüge lässt sich untersuchen, wie die Bolia und ihre Nachbarn und auch die Westerwälder Stein­zeugtöpfer in den transkontinentalen Sklaven- und Elfenbeinhandel ver­wickelt waren, wie Krüge und andere europäische Dinge, im Tausch ge­gen Sklaven und Elfenbein, lokal angeeignet und rekontextualisiert wur­den und welche komplexen regionalen gesellschaftlichen Dynamiken diese Verflechtungen zeitigten.

Die Ausstellungsminiatur setzt sich mit den Konzepten „Authentizität“ und „Fälschung“ auseinander, die immer noch die Auseinandersetzung um Kunst aus Afrika prägen.

Bei der Figur handelt es sich vermutlich um eine Gedenkfigur der Ndengese (Dem. Republik Kongo), die um 1971 in Mali erworben wurde und über verschiedene Händler/ Sammler 2011 als Schenkung in die ethnographische Sammlung kam.

Die Ausstellungsminiatur ging aus dem Seminar „Geschichte(n) des Sammelns“ (SoSe 2012) von Anne Brandstetter und Larissa Förster  (Universität zu Köln) hervor.
Gestaltung: Anne Brandstetter

Beitrag über die Ethnografische Studiensammlung bei CampusTV [ab 26:54] (01.02.2013)