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Lars Engberg-Pedersen, „Endangering Development. Politics, projects, and environment in Burkina Faso“, Westport, Co. & London , Praeger 2003, 170 Seiten rezenziert für “Sociologus” (London) von Thomas Bierschenk (November 2005) Der Begriff der „Partizipation“ gehört seit Beginn der 1990er Jahre zu einem Schlüsselbegriff der entwicklungspolitischen Debatte, zusammen mit einer Reihe von anderen buzz words wie stakeholder, ownership, empowerment, governance etc. Gemeinsam ist diesen Begriffen, dass sie notorisch vage in ihrer Bedeutung sind. Ein Indikator dafür ist, dass sie sich oft – was einem Englisch-Sprecher wahrscheinlich meist nicht bewusst ist – nur schwer oder gar nicht in andere Sprachen übersetzen lassen. Die Vagheit dieser Begriffe scheint mir zum einem damit zusammenzuhängen, dass sie Akteursbegriffe der Entwicklungswelt (emische Begriffe in der Sprache der sozialanthropologischen Methodenlehre) sind, die oft ganz unvermittelt als analytische Begriffe in den Sozialwissenschaften verwandt werden. Zum anderen werden diese Begriffe mittlerweile in einer Vielzahl von Wissenschaften verwendet, wo sie durchaus unterschiedliche Bedeutungen haben. Diese Polysemie der Begriffe macht sie nun wiederum für das Entwicklungsgeschäft besonders geeignet, da unterschiedliche Akteure ihnen somit durchaus differierende Bedeutungen zulegen können. So wird der Begriff der Partizipation heute nicht nur in den Politik- und Sozialwissenschaften, sondern auch in der Betriebswirtschaftslehre verwandt, wo er eine besondere effektive Form des Human-Resources-Management bezeichnet. Dies wiederum macht ihn und assoziierte Schlüsselbegriffe anschluss- und verwendungsfähig für Ökonomen, die nicht nur in der Weltbank das Gros der Entwicklungsexperten stellen. Diese können die genannten polysemischen Begriffe zur Beschreibung und Analyse vor allem organisatorischer Prozesse verwenden, unter Ausblendung ihrer politischen Konnationen. Bei Begriffen, die eindeutiger und ausschließlich dem Politischen zugerechnet werden wie Demokratie, Repräsentation, Macht, Kontrolle, Ausbeutung etc. wäre diese Anschlussfähigkeit nicht gegeben. Die modischen buzz words depolitisieren also die Entwicklungskooperation und transportieren implizit die Vorstellung, man könne ganze polities wie Firmen behandeln, sie also z. B. „restrukturieren“. Engberg-Pedersens Buch unternimmt es, diesen apolitischen Begriff der Partizipation auf der Basis einer empirischen Untersuchung in Burkina Faso zu dekonstruieren. Wie viele andere rezente Entwicklungsprojekte, haben auch die von ihm untersuchten gestion de terroir-Projekte versucht, unter dem Schlagwort „Partizipation“ neue Entscheidungsstrukturen, -prozesse und -institutionen auf dörflicher Ebene einzuführen. Eine wesentliche Komponente dieser Projekte war die Schaffung repräsentativer Dorfräte für das Management natürlicher Ressourcen. Engberg-Pedersen detaillierte Studie zeigt, wie diese neuen „partizipativen“ Institutionen im Kontext unterschiedlicher lokaler politisch-ökonomischer Milieus sehr unterschiedlich angeeignet wurden, wobei sie sich jeweils an die dominierenden lokalen politischen Logiken anpassten. Die Mitglieder der Dorfräte gehörten in der Mehrzahl zu denjenigen, die auch in schlechten Jahren noch etwas zu essen hatten, und für die deshalb nicht ressourcenschonende Maßnahmen, sondern die Verbesserung der sozio-ökonomischen Infrastruktur der Dörfer durch politisches Lobbying prioritär war. Die Übernahme der neuen dörflichen Institutionen gehörte zu einer dörflichen Strategie des window dressing, mit der die Dorfbewohner in erster Linie ihren Zugang zu Projektressourcen zu verbessern hofften; einmal eingerichtet, wurden sie Schauplatz und Arsenal von dörflichen Konflikten, die durch die externen Akteure eher verschärft als entschärft wurden. Die neue Institution der Dorfräte konnte sich nur dort auf Dauer verankern, wo sie von den lokalen Eliten angeeignet wurde; damit verstärkten diese neuen, „partizipativen“ Institutionen aber die Autorität dieser Eliten. Die bestehende Form von Entscheidungsprozessen wurde durch die Einführung organisatorischer Innovationen also kaum verändert, vormals marginalisierte Gruppen, die von Ressourcenschutzmaßnahmen am meisten profitiert hatten, übten, anders als von den Gebern erhofft, ihre Rechte nicht schon deshalb aus, weil sie jetzt formal dazu berechtigt waren, und demokratische Prozesse und Praktiken waren nicht die unvermeidliche Folge der Einführung demokratischer Prinzipien und Prozeduren. Eine Ursache für dieses Scheitern sieht Engberg-Pedersen in der unzureichenden theoretischen Basis der Außeneingriffe. Die neue Institutionenökonomie versucht die Degradation natürlicher Ressourcen mit einem rational-choice-Ansatz zu erklären: soziale Akteure handeln rational im Rahmen bestehender, allerdings insuffizienter Institutionen, indem sie das für sie beste aus einer insgesamt unbefriedigenden Situation zu machen suchen. Dieser Ansatz stellt zwar einen Fortschritt gegenüber – immer noch weitverbreiteten – simplistischen Vorstellungen dar, dass ressourcenschädigendes Verhalten ein Ausdruck von bloßer Kurzsichtigkeit von Landbewohnern sei, die einfach nicht in der Lage seien, die alarmierende Situation zu erkennen, in der sich die natürliche Umwelt befinde. Während die entwicklungspraktische Folgerung aus dieser letzteren Sicht mehr sensibilisation ist, fordern Institutionenökonomen ein besseres Institutionendesign, um individelle und kollektive Nutzenrelationen in Einklang zu bringen. Die empirischen Untersuchungen von Engberg-Pedersen zeigen, dass die Reaktionen der dörflichen Bevölkerungen auf die Einführung neuer Entscheidungsstrukturen allerdings kaum auf den von Institutionenökonomen in den Vordergrund geschobenen rationalen Kosten-Nutzen-Erwägungen individueller Akteure beruhen. Die Einbettung in einen politischen, in der Regel äußerst konflikthaften politischen Prozess ist von sehr viel höherer Bedeutung, ebenso die historischen Erfahrungen der Lokalbevölkerung mit vorhergehenden Interventionen wie auch die oft existierenden Widersprüche zwischen und innerhalb projektgeförderter Institutionen. Die Entwicklungspolitik, so folgert Engberg-Pedersen, solle sich auf die Förderung laufenden Wandels konzentrieren, statt das Design und die Implementierung kompletter, im lokalen Kontext fremder Institutionen zu übernehmen. Darüber hinaus lügt sie sich aber in die Tasche, wenn sie sich nicht zu ihrem unhintergehbaren politischen Charakter bekennt. Damit ist sie allerdings zu politisch-moralischen Entscheidungen und Parteinahmen gezwungen, die sich nicht durch technische Rationalitätskriterien begründen lassen. Statt in den Projektgebieten formale demokratische Verfahren und Institutionen einzuführen, hält er es für sinnvoller, dort politisch marginalisierte Gruppen zu unterstützen. Das wirft dann allerdings wiederum die Frage auf, welches Mandat die Entwicklungsinstitutionen eigentlich zu solcherart politischen Interventionen berechtigt – eine Frage, auf die Engberg-Petersen nicht mehr eingeht. Wer sich sich mit Umweltschutzprojekten und Entwicklungspolitik in Afrika und anderswo beschäftigt, wird dieses Buch mit großem Gewinn lesen. |
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