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„Weiße Rollen“ im schwarzafrikanischen Film
Zur interkulturellen Aushandlung von Identitätsentwürfen


Djibril Diop Mambéty: Hyènes
(eine filmische Bearbeitung von Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame)
Foto: trigon-film

 

Leitung: Prof. Dr. Matthias Krings

Mitarbeiterin: Cassis Kilian, M. A.

Laufzeit: 12 Monate

Finanzierung: Gefördert aus Mitteln des Forschungsfonds der Johannes Gutenberg-Universität Mainz für das Jahr 2007 und des Zentrums für Interkulturelle Studien (ZIS) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

 

„Weiße Rollen“ im schwarzafrikanischen Film.
Zur interkulturellen Aushandlung von Identitätsentwürfen

Das Projekt schlägt eine neue Perspektive auf die Geschichte des schwarzafrikanischen Kinos auf der Folie interkultureller Aneignungsprozesse vor. Mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen werden in afrikanischen Filmen Rollen übernommen, die auf weiße Rollenmodelle zurückgehen. Bei der Übernahme ‚weißer Rollen‘ müssen schwarze Schauspieler mit wissenschaftlich überkommenen, aber besonders in westlichen Medien noch immer wirksamen Vorstellungen von einer ‚rassisch‘ determinierten Identität handeln. Aus einem erkenntnistheoretischen Interesse soll der Begriff der ‚weißen Rolle‘ dazu dienen, die Konstruktion einer Kategorie und deren Demontage zu untersuchen. Im afrikanischen Film übernehmen schwarze Darsteller sowohl soziale Rollen, die auf weiße Rollenmodelle verweisen, als auch solche, die durch westliche Medien vermittelt wurden. Der heuristische Begriff der ‚weißen Rolle‘ soll nicht ontologisch, sondern mit Hilfe einer operationalen Logik erkundet werden: Wann ist eine filmische Rolle eine ‚weiße Rolle‘ ? Hat der Darsteller eines afrikanischen Geschäftsmanns schon eine ‚weiße Rolle‘ übernommen, wenn er im Film einen Schlips trägt? Legt ein Film aus dem Jahre 1956 eine andere Beantwortung dieser Frage nahe als ein Film aus dem Jahr 2005? Wenn Mitglieder der afrikanischen Elite als Epigonen der kolonialen Führungsriege dargestellt werden, welche Rollenmerkmale konstituieren dann die ‚weißen Rollen’? Ist die Rolle des Cowboys als Apotheose des Kolonialismus entlarvt, wenn sie von afrikanischen Jugendlichen gespielt wird? Darf man Carmen noch als ‚weiße Rolle‘ bezeichnen, wenn die Arien aus dem Französischen in Xhosa übersetzt wurden und der Plot auf südafrikanische Gegebenheiten übertragen wird? Als schwarze Figur steht Carmen am Ende einer Verfahrenslogik, die Ludwig Jäger (2004) „Transkription“ nennt und an deren Ausgangspunkt eine ‚weiße Rolle‘ stand. Diese Verfahrenslogik ist ein Prozess der Ent- und Aneignung, an dem alle an diesem Film Beteiligten teilgenommen haben.

Wenn Inszenierungen ‚weißer Rollen‘ als Indikator für Entwicklungen im schwarz-afrikanischen Film betrachtet werden, kann leicht der Verdacht entstehen, dass afrikanische Kulturgeschichte zum wiederholten Male mit westlichen Maßstäben vermessen wird. Was zunächst paradox erscheint, kann jedoch als selbstbewusster Umgang der Filmschaffenden mit den gesellschaftlichen und medialen Realitäten in Afrika gewertet werden. Von Anfang an ist das afrikanische Kino auch dadurch gekennzeichnet, dass es die Grenzen des schmalen Rollenrepertoires sprengt, die die Besetzung schwarzer Darsteller in europäischen und US-amerikanischen Filmproduktionen drastisch beschränken. Die Konstruktion der Kategorien Weiß und Schwarz wird offengelegt. Durch den Vorgang der Rollenübernahme werden Rollen verhandelbar. Vor dem Hintergrund von Kolonialismus, Postkolonialismus und Globalisierung belegen die vielfältigen Inszenierungen ‚weißer Rollen‘ die Dynamik interkultureller Tauschprozesse. Gerade hier lässt sich die kritische und kreative Auseinandersetzung mit der westlichen Kultur und ihren Werten betrachten. Im diachronen Vergleich kann die Funktion von Rollenübernahmen im Hinblick auf ihre Performativität im Rahmen politischer und kultureller Umbrüche theoretisiert werden. Da im Film global zirkulierende Normen und Rollenanforderungen exemplarisch lokalisiert und damit in ihrer Tauglichkeit für die jeweilige Gesellschaft zur Diskussion gestellt werden, markiert die Übernahme einer ‚weißen Rolle‘ durch einen afrikanischen Schauspieler einen Kulminationspunkt im interkulturellen Diskurs.

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