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Populäre Kultur an der Schnittstelle des Globalen und Lokalen.

Musik-, Bild- und Textproduktion in Ostafrika

Leitung: Wolfgang Bender, Matthias Krings, Uta Reuster-Jahn;
Mitarbeiterin: Claudia Böhme.

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Das interdisziplinäre Forschungsprojekt untersucht populäre Kulturproduktion in den ostafrikanischen Nachbarländern Tansania und Kenia vor dem Hintergrund der kulturellen Globalisierung und der Liberalisierung nationaler Medienlandschaften. Afrika befindet sich seit geraumer Zeit in einer Phase medialer Umbrüche. Allerorts lässt sich eine Remediatisierung ursprünglich raum- und zeitgebundener Gattungen populärer Kultur (Theater, Oratur, Live-Musik) mit Hilfe technischer Medien beobachten, wodurch sich der Kreis der potenziellen Adressaten erheblich erweitert und die Formen der Produktion, Distribution und Konsumption populärer Kultur verändert haben.

Das Forschungsprojekt geht von der Hypothese aus, dass sich populäre Kultur als ein Feld der Aushandlung beschreiben lässt, in dem sich Glokalisierungsprozesse „von unten“ exemplarisch beobachten lassen. In der populären Musik-, Bild- und Textproduktion treffen global zirkulierende Bilder- und Ideenströme auf lokale Vorstellungswelten und gehen mit diesen neuartige hybride und äußerst kreative Verbindungen ein. Ziel des Projektes ist es, diese Prozesse der interkulturellen und intermedialen „Transkription“ (L. Jäger), der Lokalisierung und medialen Reinszenierung populärer Kultur heterogenen Ursprungs anhand von drei unterschiedlichen Medien in Ostafrika zu untersuchen: Rap-Musik, Videospielfilme und Unterhaltungsliteratur.

Für das kulturvergleichend angelegte Vorhaben bieten die Nachbarländer Tansania und Kenia aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Vergangenheit bei hinreichender kultureller Ähnlichkeit ein viel versprechendes Forschungsterrain. Während im ehemals sozialistischen und gegenüber dem Westen tendenziell abgeschotteten Tansania Fernsehen und Video erst zu Beginn der 1990er Jahre eingeführt, dann aber schnell liberalisiert wurden, hielten Medien in Kenia zwar wesentlich früher Einzug, unterlagen aber bis vor kurzem noch Repression und Zensur. Rap-Musik konnte hier in der Ablösung der Moi-Ära als Plattform einer kritischen Gegenöffentlichkeit fungieren, auf der Gegendiskurse zur staatlichen Herrschafts- und Kulturpolitik artikuliert wurden.

In Tansania ist die swahilisprachige Rap-Musik als Bongo Fleva („Bongo“ – abgeleitet von Swahili „ubongo“ ‚Gehirn’ – bezeichnet umgangssprachlich die kulturelle Hauptstadt Daressalam; „Fleva“ ist vom englischen „flavor“ abgeleitet) bekannt. Die Aneignung des US-amerikanischen Musikstils lässt sich als Fortsetzung älterer Prozesse musikalischer Migration zwischen Afrika und der afrikanischen Diaspora im Zeitalter der elektronischen Massenmedien und des Satellitenfernsehens bezeichnen. Hier sollen die spezifischen Verbindungen von globalen und lokalen Musik-, Gesangs- und Performanzstilen untersucht werden, sowohl auf musikalischer, ikonografischer als auch auf sprachlich-semantischer Ebene. Zu untersuchen sind ebenfalls etwaige Rückkopplungseffekte auf lokale musikalische Traditionen, etwa auf die taarab-Musik der Swahili-Küste, die in der Vergangenheit bereits musikalische Einflüsse heterogenen Ursprungs verarbeitet hat, oder die muziki wa dansi (Tanzmusik).

Zwischen Rap-Musik und populärer Videofilmproduktion bestehen zahlreiche Verbindungen, etwa in Form von Videoclips aber auch von Künstlern und Produzenten. Einer der erfolgreichsten Videofilme Girlfriend spielt im Rap-Milieu Daressalams. Als Genres sind aber Komödie und Melodram vorherrschend; auch das erste swahilisprachige Horrorvideo ( Nsyuka, „Hexe“), das Transkriptionen älterer Hexereidiskurse erkennen lässt, ist bereits erschienen. Hierbei ist wiederum nach intertextuellen und intermedialen Beziehungen zu fragen: zu indischen Filmen, südafrikanischen und US-amerikanischen Seifenopern, die von staatlichen und privaten Fernsehsendern ausgestrahlt werden, zu Videos aus „Nollywood“ (Nigeria), die auch in Ostafrika zirkulieren, und nicht zuletzt zu populären Theater- und Literaturformen. Da einige Videoproduzenten gleichzeitig populäre Literatur produzieren (z.B. Sultan Tamba in Tansania), bietet sich hier eine weitere Möglichkeit, intertextuelle und intermediale Beziehungen zu untersuchen.

Lesehefte (Comics, Liebesgeschichten, Aufklärungsliteratur) und populäre Zeitungen wie z.B. Sani in Tansania, haben in beiden Ländern Konjunktur. Letztere enthalten Comics, Sensationsberichte und Fortsetzungsromane. Die Thematisierung gesellschaftlicher Probleme wie Armut, HIV/AIDS und Korruption in Printmedien, erlaubt es, lokale Diskurse in ihrer Beziehung zu globalen, die Entwicklungsprogramme prägenden, zu untersuchen. Im Kontext der sprachlichen Kreativität, durch die das umgangssprachliche Swahili in den letzten Jahren u.a. durch Transkriptionen v.a. amerikanischer populärkultureller Konzepte erweitert wurde, spielen populäre Medien, besonders Zeitungen, eine wichtige Rolle als Vermittler und Promotoren, die im Rahmen des Projektes untersucht werden soll.

Neben der Erforschung der Produktion, Distribution- und Rezeption dieser populären Medien Ostafrikas, besteht das übergeordnete Ziel des Forschungsprojektes darin, ein theoretisches Konzept „interkultureller Transkription“ zu entwickeln, das nicht allein kultureller, sondern ebenfalls medialer Differenz Rechnung trägt. Dadurch soll ermöglicht werden, auch über den ostafrikanischen Kontext hinaus Übersetzungs- und Übertragungsprozesse zwischen verschiedensten Kulturen und Medien theoretisch zu fassen.

 

Gefördert mit Mitteln des Forschungsfonds der Johannes Gutenberg-Universität Mainz für das Jahr 2006

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