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Erinnerungspolitik und Nationalfeiern in Afrika

Doktorandengruppe im Rahmen des Programms „PRO Geistes- und Sozialwissenschaften 2015“ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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Ghana@50. Foto: C. Lentz

 

Koordination: Prof. Dr. Carola Lentz

Weitere Mentoren der Forschungsgruppe: Prof. Dr. Thomas Bierschenk; Prof. Dr. Friedemann Kreuder; Prof. Dr. Matthias Krings

DoktorandInnen: Christine Fricke, M.A.; Svenja Haberecht, Dipl.-Soz. und Mareike Späth, M.A.

Assoziierte DoktorandInnen: Godwin Kornes, M.A. (Stipendiat Stipendienstiftung Rheinland-Pfalz), Konstanze N’Guessan, M.A. (Stipendium Studienstiftung des deutschen Volkes) und Kathrin Tiewa Ngninzégha, M.A. (Stipendium SOCUM)

Laufzeit: 1.10.2009 - 31.10.2012

Förderung: Programm „PRO Geistes- und Sozialwissenschaften 2015“ (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) / in enger Zusammenarbeit mit SOCUM (Research Centre of Social and Cultural Studies Mainz)

Dass im Jahr 2010 siebzehn afrikanische Staaten den fünfzigsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit gefeiert haben, bietet eine einmalige Chance, Erinnerungspolitik und Nationalfeiern, die von Anfang an integraler Bestandteil der Herausbildung afrikanischer Nationen waren, vergleichend zu erforschen. Die Feiern waren zum einen selbst kathartische Momente der Nationenbildung; zum anderen gaben sie Anlass zu Kontroversen über Organisation, Programmgestaltung, Bildsprache und Aufführungspraxen, in denen sich Konflikte zwischen konkurrierenden politischen Projekten, soziale Differenzen (Klasse, Geschlecht, Alter) und regionale, ethnische und religiöse Diversität niederschlagen. Eine vergleichende Untersuchung der Feiern ermöglicht Einblicke in die Herausforderungen und unterschiedlichen Strategien der Nationenwerdung im postkolonialen Afrika − ein Thema, das erstaunlicherweise bisher kaum auf solider empirischer Basis untersucht worden ist.

Seit 1.10.2009 arbeiten sechs DoktorandInnen zum Thema nation-building, Erinnerungspolitik und Unabhängigkeitsfeiern in Afrika. In Kooperation mit einer studentischen Lehrforschung wurden im Jahr 2010 vergleichende Feldforschungen zu den Fünzigjahrfeiern der Unabhängigkeit in Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Gabun, Kamerun, Demokratische Republik Kongo, Madagaskar, Mali und Nigeria, sowie dem zwanzigjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit in Namibia durchgeführt. Dies ermöglichte einen einzigartigen Einblick in nationale Erinnerungskultur und die Poetik politischer Feiern in Afrika. Ein gemeinsam erarbeitetes komparatives Forschungsprogramm legte den Grundstein für die vergleichende Forschung. Die DoktorandInnen setzten zusätzlich jeweils individuelle Schwerpunkte in ihren Feldstudien.

 


Christine Fricke forscht zu den Jubiläumsfeiern in Gabun. Politischer Hintergrund sind die gegenwärtigen politischen Veränderungen durch den Tod des Präsidenten Omar Bongo Ondimba, der während seiner knapp 42 Jahre Amtszeit als das Nationalsymbol schlechthin galt, und die umstrittene Nachfolge Ali Ben Bongos. Den Feierlichkeiten kommt so besondere Bedeutung zu – als kathartischer, aber auch kontroverser Moment kollektiver Erinnerung, gesellschaftlicher Integration und politischer Legitimation sowie der (Re-)Produktion und Aushandlung divergierender nationaler Selbstbilder. In diesem Zusammenhang sind insbesondere auch die Stellung Gabuns innerhalb des Françafrique, die hohe Einwanderungsquote und die gabunische Diaspora von Interesse.

Svenja Haberechts Forschung zum Unabhängigkeitsjubiläum in Burkina Faso beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen offizieller Politik und den inoffiziellen Praktiken des Erinnerns. Eine zentrale Frage ist, wer anlässlich der Nationalfeier die burkinische Geschichte wie erzählt. Welche historischen Phasen und Persönlichkeiten werden als erinnerungswert und identitätsstiftend betrachtet, und welche werden aus machtpolitischen oder anderen Gründen „vergessen“? Die Aufmerksamkeit gilt dabei besonders der Aushandlung eines „kollektiven Gedächtnisses“ zwischen den verschiedenen politischen Parteien, den Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Initiativen sowie der (Re)Produktion nationaler Identität im Rahmen der Unabhängigkeitsfeiern.

Godwin Kornes untersucht das Spannungsfeld zwischen staatlicher Erinnerungspolitik und lokalen Erinnerungs-praxen in Namibia. Ausgehend von der Analyse nationaler und regionaler Erinnerungsfeiern steht hierbei vor allem die Frage im Vordergrund, auf welche Weise das historische Narrativ des Unabhängigkeitskampfes von unterschiedlichen Akteuren angeeignet und erzählt wird. Aus dem fast hundert Jahre dauernden Kampf gegen die koloniale Herrschaft ist eine äußerst heterogene Gesellschaft hervorgegangenen, in der die Erinnerung an den Befreiungskampf zu einer elementaren Ressource für die Aushandlung postkolonialer nationaler Identitäten geworden ist. Auf kleinstem Raum konzentrieren sich hierbei Debatten um Heldentum, den Bau von Museen und Denkmälern und den Umgang mit der Gewalterfahrung des Befreiungskrieges. Dies erlaubt einen faszinierenden Blick auf Namibia als „nation in the making“.

Konstanze N‘Guessan erforscht Politik und Poetik nationalen Erinnerns in der Côte d’Ivoire. Nach der Einführung des Mehrparteiensystems 1990 und dem Tod des ersten Präsidenten des Landes im Jahr 1993 sucht hier eine neue Politikergeneration nach einem angemessenen Umgang mit dem Erbe des „Alten“, Houphouët-Boigny. Vor dem Hintergrund des Endes des ivorischen „Wirtschaftswunders“ will der nun seit zehn Jahren regierende Präsident Gbagbo die Nation „neu begründen“ und vor allem der engen Anbindung an Frankreich ein Ende setzen. Von den Houphouëtisten wird er dafür als Nestbeschmutzer beschimpft. Im Fokus des Forschungsprojekts steht die Frage nach der narrativen, performativen und ikonographischen (Dis)Kontinuität nationalen Erinnerns. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die „Blindstellen“ der offiziellen Feiern und Gegenfeiern und auf die konkurrierenden Bedeutungen gelegt, die den historischen Ereignissen im Kontext gegenwärtiger politischen Debatten zugeschrieben werden.

Mareike Späth untersucht Erinnerungspolitik und Nationenbildung in Madagaskar. Bedingt durch die geographische Insellage existiert dort kein unmittelbar „Anderes“, dessen Abgrenzung ein verbindendes Nationalgefühl begründen könnte. Differenzierungen im Inneren des Landes durch ethnische Gruppen, soziale Hierarchien und Regionalismus treten daher stark in Erscheinung. Wie verankert sich dennoch die Idee, einer Nation anzugehören? Nationalistische Narrative verfolgen die Gründung der madagassischen Nation bis in das vorkolonialen Königreich der Merina zurück. Das Projekt erforscht, wie historische Praktiken des Erinnerns und Gedenkens in die Feiern der heutigen Nation eingehen und wie dabei offizielle Diskurse und private Praktiken sowie populäre Erfahrungen miteinander konkurrieren bzw. sich verbinden.

Kathrin Tiewa Ngninzégha untersucht am Beispiel Kameruns, wie die Spannungen zwischen dem frankophonen (unabhängig seit dem 1.1.1960) und dem anglophonen (unabhängig seit dem 1.10.1961) Teil des Landes die Feierlichkeiten zum Cinquantenaire prägen. Obwohl sich nur wenige Beispiele für eine gelebte nationale Einheit Kameruns finden lassen, stellt die Regierung diesen Aspekt in den Mittelpunkt der Feiern. So ist das gemeinsame Datum, an dem nun das goldene Unabhängigkeitsjubiläum gefeiert wird, der Tag der „Wiedervereinigung“ (20.5.1972). Diese Bemühungen sind jedoch auch im Lichte der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen 2011 zu verstehen, die die Jubiläumsfeiern auch zu einer Plattform für parteipolitische Aktivitäten machen. Die Frage, inwiefern die Feiern dabei tatsächlich die Einheit fördern oder vielmehr die Differenzen betonen, steht im Mittelpunkt des Forschungsprojektes.

 

Veröffentlichungen

Fricke, Christine (2010): Just a little bit of history repeating? Nationalfeiern, kollektive Erinnerung und das Jubiläum der Unabhängigkeit in Gabun. In: Mondial 16 (2): 3-5

Kornes, Godwin (2010): Namibia at 20: Eindrücke von den Unabhängigkeitsfeiern. In: iz3w Juli/August 2010

Lentz, Carola und Godwin Kornes (Hg.) (2011): Staatsinszenierung, Erinnerungsmarathon und Volksfest. Afrika feiert 50 Jahre Unabhängigkeit. Frankfurt a.M.: Brandes und Apsel.

N`Guessan, Konstanze (2010): Vom Alten und vom Neuen. Ein Erinnerungsfest à la Ivoirienne. Mondial 16 (2): 12-15

Späth, Mareike (2010): Woher und Wohin? Das goldene Jubiläum zwischen Feiern und Gedenken in Madagaskar. In: Zeitgeschichte-online Dezember 2010. http://www.zeitgeschichte-online.de/Themen-Spaeth-12-2010

Späth, Mareike (2010): Alles Gute zum Geburtstag, Madagaskar! In: Mondial 16 (2): 9-12

Tiewa Ngninzégha, Kathrin (2010): Kamerun und das Goldene Jubiläum der Unabhängigkeit. Mondial 16 (2): 6-8

Tiewa Ngninzégha, Kathrin (2010): Zum Cinquantenaire Kameruns: Ausgewählte Slogans in der Kritik. In: Zeitgeschichte-Online

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