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Die Aushandlung von Kultur
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links: Saidawk a.k.a. Ghetto King bei der Aufnahme eines Bongo Flava Songs im Tonstudio Sei Records in Dar es Salaam (2009, ©Uta Reuster-Jahn).
rechts, von oben nach unten: Mawingu Studio, Dar es Salaam (2007, ©David Eschrich).
Hinterhof eines Videokinos in Mkula, Tansania (2007, ©Claudia Böhme).
Dreharbeiten zum Film Village Pastor (2008, ©Claudia Böhme).
Projektleitung: Prof. Dr. Matthias Krings
MitarbeiterInnen: Dr. Uta Reuster-Jahn, Gabriel Hacke, M.A. und Claudia Böhme M.A.
Laufzeit: 15.1.2009–15.4.2011
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
In Tansania hat die in den 1980er Jahren einsetzende Liberalisierungspolitik einen tief greifenden Wandel der populären Kulturproduktion bewirkt. Durch die Privatisierung der Medien und neue Produktions- und Distributionstechniken sind eine neue Musikszene, genannt Bongo Fleva, sowie ein blühender Markt swahilisprachiger Videospielfilme entstanden. Beide Bereiche überschneiden sich im Genre des Musikvideos.
Das Projekt geht von der Arbeitshypothese aus, dass sich Videospielfilme und Bongo Fleva-Musik als Foren untersuchen lassen, in denen Praktiken und Diskurse unterschiedlicher Herkunft aufeinander treffen und zu neuartigen Synthesen verbunden werden. Insbesondere Angehörige der jüngeren Generation (in Tansania auch als kizazi kipya „neue Generation“ bezeichnet) nutzen diese Foren, um ihre Sichtweisen auf Kultur und Gesellschaft zu artikulieren und damit selbst Prozesse kultureller und sozialer Transformation in Gang zu setzen. Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit in diesen Foren wird zwischen verschiedenen professionellen Gruppen mit je eigenen politischen und ökonomischen Interessen und Machtressourcen ausgetragen. Hierzu zählen Künstler, Schauspieler und Regisseure, sowie kommerzielle Produzenten, Redakteure und Moderatoren ebenso wie staatliche Kulturpolitiker und Zensoren. Das Projekt fasst diese Prozesse der Auseinandersetzung als Formen der Aushandlung auf und zielt darauf ab, sie sowohl anhand der Videospielfilme, Songs und Videoclips als auch anhand der Produktions- und Rezeptionspraktiken zu untersuchen. Dabei soll einerseits nach den spezifischen Verbindungen von lokalen und globalisierten Bildern, Texten und Klängen gefragt werden, andererseits nach den Motiven, Strategien und Taktiken der an Produktions- und Rezeptionsprozessen beteiligten Akteure.
Das übergeordnete Ziel des Projektes besteht im Vergleich der beiden Foren, die auf unterschiedlichen Medien (Radio, Audiokassette, CD, und Live-Performanz im Falle der Bongo Fleva-Musik; Videokassette, VCD, DVD und TV im Falle der Musikvideoclips und der Videospielfilme) und einem je eigentümlichen Zusammenspiel visueller und auditiver Ausdrucksweisen basieren. Von der These ausgehend, dass beide Foren neue audiovisuelle Öffentlichkeiten konstituieren, soll untersucht werden, inwieweit die mediale Differenz von Bildern und Texten, auf die die Debatten um den so genannten pictorial turn (Mitchell) bzw. die ikonische Wendung der Moderne (Böhm) aufmerksam gemacht haben, von Produzenten und Rezipienten produktiv genutzt wird. Bewegte und unbewegte Bilder einerseits, Filmdialoge und gesungene Liedtexte andererseits, bergen unterschiedliche Potentiale zur Generierung und Dekodierung von Bedeutung. Wie machen sich Produzenten von Videofilmen, Bongo Fleva-Musik und -Videoclips diese zu nutze? Wird auf der auditiven Ebene anders verfahren als auf der visuellen? Unterscheiden sich die beiden Foren in dieser Hinsicht? Wird auf der visuellen Ebene Eigenes und Fremdes, Altes und Neues nicht nur grundsätzlich anders vermittelt als auf der textuellen und musikalischen, sondern sogar etwas anderes artikuliert, das aufgrund kultureller Konventionen nicht ausgesprochen und gehört, wohl aber visualisiert und erblickt werden darf (oder umgekehrt)? Durch den Vergleich der beiden Foren ließen sich demnach ebenfalls Hypothesen über das Sehen und das Hören als kulturelle Praxen in Tansania entwickeln. Das Projekt knüpft damit an Debatten zum Sehen, Blicken und Beobachten an, die über westliche Wahrnehmungspraxen bereits seit längerem geführt werden (Böhm, Crary, Mitchell) sowie an aktuelle Ansätze, die ebenfalls das Hören als kulturelle Praxis thematisieren (Erlmann, Schmidt).