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Die Lehren von Coulibaly. Ein Schweizer Castaneda in Westafrika Zum Buch von David Signer „Die Ökonomie der Hexerei, oder warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt“ (Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2004) (Rezension für die Zeitschrift „Tsantsa“, Nov. 2005, hg. von der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft) Es fällt nicht leicht, dieses Konvolut von langatmigen Passagen aus Reisetagebüchern, kurzen Gesprächsnotizen mit Straßenbekanntschaften, Literaturzitaten, sozialphilosophischen Ergüssen, verqueren psychoanalytischen Interpretationen, eitlen Selbstdarstellungen und der ständigen Wiederholung unsäglicher Klischees über „uns“ (abwechselnd auch als „die“ Europäer, „die“ Weißen“, „unsere christliche Kultur“, das „Abendland“ bezeichnet) und „die“ Afrikaner zusammenzufassen. David Signer ist schon als Kind von „Zauberern, Medizinmännern, Schamanen, Geisterbeschwörern und Wundertätigen“ fasziniert, lässt sich später gerne von Hellseherinnen die Zukunft voraussagen, assoziiert diese Phantasien nach dem Besuch des Films „Der Exorzist“ mit „Afrika“ und „dem Busch“, und somit erfüllt sich für ihn „ein Traum“, als er im Jahre 1994 Bekanntschaft erst mit einer „Fetischpriesterin“ und dann mit Coulibaly, einem „Heiler aus Mali“, macht: er kann endlich „in diesen verschlossenen Raum“ eintreten und sich in „dieses Andere versenken“. Die folgenden Jahre verbringt er anscheinend häufig im frankophonen Westafrika. Dort hat er mehrere Affären mit jungen Damen, die zum Teil „sehr gewaltgeladen“ enden, was ihn fast „um den Verstand“ bringt. Auf dieser empirischen Grundlage formuliert er im Buch en passant eine krude Theorie „der“ afrikanischen „Liebe und Sexualität“ („es wird rückhaltloser geliebt, es wird tödlicher gehasst“), mit der er u. a. die Unfähigkeit „der“ Afrikaner, sachgemäß mit Kondomen umzugehen, erklärt. Vor allem aber sucht Signer immer wieder die Nähe zu Leuten, die ihren Lebensunterhalt als „Fetischeure“ verdienen, bis sich für ihn schließlich ganz „Afrika“ auf „Hexerei“ reduziert. Als ihm diese selbstgewobene demi-monde schließlich gehörig auf die Nerven geht – „wie ich plötzlich Kapitalismus, Liberalismus, protestantische Ethik, Anonymität, Egoismus und Gleichgültigkeit der Großstadt zu schätzen weiß! Hier würde ich wahnsinnig“ (S. 165) –, besinnt er sich auf seine Rolle als Wissenschaftler und versucht, „die“ Hexerei zu erklären: sie sei ein Ausdruck des Neides, den „die“ Afrikaner auf Menschen haben, die erfolgreicher sind als sie selbst, und erfülle den Zweck, diese Erfolgreicheren (in erster Linie ökonomisch Erfolgreicheren) einzuschüchtern. Da Hexerei damit jeden individuellen Ehrgeiz von vorneherein verhindere, sei sie entwicklungshemmend, ja sie sei überhaupt das eigentliche Entwicklungshemmnis Afrikas – eine These, die im Untertitel des Buches metaphorisch ausgedrückt wird und die sich auf eine Aussage des ansonsten im Buch nicht weiter vorkommenden „Soziologen Boureima Ouedraogo aus Ouagadougou“ stützt: „Wenn in Europa jemand ein Haus baut, dann möchte es der Nachbar gleich tun. Und er baut dann gleich ein zweistöckiges. ... So sind am Ende die Wolkenkratzer entstanden.“ Im Gegensatz dazu führe der „in Afrika“ ubiquitäre „tödliche Neid“ dazu, resümiert Signer den Gedankengang, „die Bäume, die in den Himmel wachsen wollen, zu köpfen“. Vorstellungen, dass die Ereignisse in der sinnlich erfahrbaren Welt auch von unsichtbaren, übersinnlichen Kräften beeinflusst werden, sind in Afrika weit verbreitet. Diese Vorstellungen stellen allerdings keineswegs ein kohärentes Gedankengebäude dar; nicht umsonst hat die ethnologische Forschung immer großen Wert darauf gelegt, die innere Differenziertheit der entsprechenden kollektiven Repräsentationen herauszuarbeiten. Hexerei, Magie und Orakel, zusammen mit Esoterik, Spiritismus und Schamanismus, mit Naturmedizin und einem vielfältigen religiösen Spiritualismus christlicher oder islamischer Provenienz, stellen einen vielfältig gegliederten Komplex des Magisch-Religiösen dar, der in sich nur lose gekoppelt ist; er bildet kein „System“, wie uns Signer glauben machen will. Auch werden beileibe nicht alle Vorstellungen in diesem Komplex des Magisch-Religiösen von allen Afrikanern geteilt; Signer selbst erwähnt in seinem Buch Beispiele von klassischen ethnologischen Untersuchungen zu sozialen Gruppen (Dogon, Igbo, ostafrikanische Hirtenvölker, Bamileké, die Liste ließe sich verlängern), in denen Hexereivorstelllungen kaum existieren, ohne diese „Ausnahmen“ aber plausibel erklären zu können: die von ihm als Erklärung angeführte Möglichkeit, sich bei Konflikten trennen zu können, war ja nicht ein Sondermerkmal der genannten Gruppen, sondern (siehe Kopytoff) konstituierend für die politische Ökonomie des gesamten vorkolonialen Afrika. Es ist auch offensichtlich, dass die Überzeugung, dass sich die Welt nicht in der sinnlich erfahrbaren erschöpft, keineswegs auf „die“ Afrikaner beschränkt ist. Auch hier verwickelt sich Signer fortwährend in Widersprüche: einerseits wird Hexerei als etwas typisch afrikanisches dargestellt, doch werden dann Beispiele aus Mittel- und Südamerika, China und der europäischen Geschichte angeführt, die eine „frappierende Ähnlichkeit“ aufweisen. Schließlich kombinieren sich in Afrika die unterschiedlichsten Vorstellungen von der Existenz übersinnlicher Kräfte auch mit den unterschiedlichsten sozialen, ökonomischen und politischen Praktiken; sie können ebenso ein Mittel im Geschlechterkampf sein, wie sie Signer von weiblicher Seite erlebt hat (während die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung sie eher als Mittel der Männer zur Unterdrückung der Frauen sieht), wie sie auch zur diskursiven Begleitung ökonomischer und politischer Auseinandersetzungen gehören können. Sie stellen jedoch kein „Wertesystem“ das, das jedwede soziale Praxis prägt (wie Signer mit seinem Begriff des „Totalitarismus“ unterstellt), sie sind nicht „Fluchtpunkt der afrikanischen Kultur“ und sie verhindern – das scheint mir die abenteuerlichste Behauptung von Signer – auch keineswegs ökonomische Akkumulation und „Individualismus“ (der „in Afrika“ nicht ein „Ideal“ – wie „bei uns“ –, sondern ein „Schimpfwort“ sei): das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf jede beliebige moderne afrikanische Großstadt mit ihren zahlreichen Hochhäusern und prächtigen Villen, die den Untertitel des Buches ad absurdum führen. Diese Großstädte sind voll von energischen, zielstrebigen Unternehmern, die sich durch den angeblichen „Totalitarismus“ der Hexerei nicht davon abhalten lassen, große Vermögen anzuhäufen. Ich traue mir im Gegensatz zu Signer kein Urteil darüber zu, ob Villen in Afrika „selten ehrlicher Arbeit zu verdanken“ sind, und ob „Schwerarbeit (in Afrika)... nur ausnahmsweise zu einem Mercedes führt“; man könnte allerdings vermuten, dass das für einen Kontrast zu „uns“ vielleicht doch weniger hergibt, als Signer insinuiert. Auf jeden Fall waren afrikanische Gesellschaften in den letzten 50 Jahren gerade durch ihre hohe soziale Mobilität ausgezeichnet, eine empirische Tatsache, an der Signers These ebenso scheitert wie an der schon in vielen „traditionellen“ afrikanischen Gesellschaften, aber auch in der Gegenwart bewunderten Sozialfigur des self-made man, der sich mit Energie und Zielstrebigkeit über soziale Konventionen hinwegsetzt und zu sozialem Erfolg kommt. Dass ein Autor ein gescheitertes wissenschaftliches Unternehmen durch Argumentationen rationalisiert, die man im besten Fall als kulturalistisch-essentialisierend („Neugier und Wissensdurst sind für Afrikaner eher etwas Untypisches“), im schlimmsten Falle als pathologisierend („gierige Wünsche", „oral-agressive Tönung", „pervertiertes Verhältnis von Eigen und Nicht-Eigen“, die Reihe der Zitate ließe sich verlängern), wenn nicht als rassistisch bezeichnen muss, ist schlimm genug. Es erstaunt auch eigentlich nicht, dass dieses Buch mit seiner simpel gestrickten Argumentation in einigen Feuilletons hochgejubelt wurde (ein anonymer Rezensent in der Neuen Züricher Zeitung sprach gar von einem „Schlüsselbuch“ für das Verständnis Afrikas). Das liegt zum einen daran, dass gerade in den Kulturwissenschaften der Transfer von Forschungsergebnissen in die Medien in höchsten Maße von persönlichen Beziehungen (wie „in Afrika“?) abhängt. Zum anderen bedient das Buch auch hervorragend in der Öffentlichkeit weitverbreitete Klischees über Afrika. Wenn die Medien von Ethnologen etwas über Afrika wissen wollen, dann interessiert sie – neben dem Thema Armut – vor allem das Exotische: je abstruser, desto besser. Man ist allerdings zumindest etwas verwundert darüber, dass keinem der Rezensenten in den Feuilletons aufgefallen ist, dass das Buch auch handwerklich schlecht gemacht ist: es ist höchst unstrukturiert und mit seinen zahllosen langatmigen Beschreibungen und in seiner Überlänge kaum lesbar. Dem herausgebenden Peter Hammer-Verlag kann man getrost in erster Linie wirtschaftliche Interessen unterstellen; seriöser erscheint der Verlag durch diese Veröffentlichung allerdings nicht. Der eigentlich Skandal liegt jedoch darin, dass dieses Buch vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung subventioniert wurde.
Thomas Bierschenk Institut für Ethnologie und Afrikastudien |
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