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Hochschulseite Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2005, Nr. 266, S. 46
Auf der Suche nach Inseln der Effizienz
Ethnologen erforschen, warum der Staat in Afrika an einigen Orten funktioniert - und an vielen nicht
 
juge. MAINZ. Alltag in Afrika - dazu fällt dem Europäer kaum mehr ein als der Dreisatz "Armut, Aids, Gewalt". Das afrikanische Staatswesen erscheint dabei als Ansammlung chaotischer Strukturen, in denen Korruption und Mißwirtschaft gedeihen, während die Bevölkerung im Elend versinkt. Doch dieses Bild sei zu pauschal, meint Thomas Bierschenk
, Professor am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Universität Mainz. Oft würden Vorurteile bemüht, wo es an fundiertem Wissen über afrikanische Gesellschaften fehle. So gebe es bisher keine Studien, die zeigten, wie Verwaltung und Gerichtsbarkeit auf lokaler und zentraler Ebene tatsächlich funktionierten.

Diese Forschungslücke will Bierschenk gemeinsam mit Kollegen aus Benin, Niger, Mali und Ghana schließen. Am Beispiel von Justiz und Bildungswesen in den vier westafrikanischen Ländern soll der afrikanische Staat in seinem Alltag empirisch untersucht werden. Bierschenk zum Beispiel wird Volksschullehrer befragen, die in den Dörfern gewissermaßen den Staat repräsentieren. Doch haben die Pädagogen nach seinen Worten inzwischen nicht mehr das Ansehen, das sie früher genossen. Mit den Interviews will er herausfinden, wie verschiedene Lehrergenerationen auf diese Entwicklung reagieren. Zum Vergleich wird er auch Lehrer an privaten Schulen befragen.

Das Besondere an dem Projekt ist nach den Worten des Professors, daß die afrikanischen Wissenschaftler gleichberechtigte Partner sind und daß die Forschung in den Ländern selbst gestärkt werden soll. Afrikanische Universitäten hätten ähnliche Schwierigkeiten wie deutsche - chronische Unterfinanzierung und zu hohe Studentenzahlen. Nur sei in Afrika alles noch schlimmer: Ohne Zweitjob als politischer Berater oder Gutachter könne kein Hochschuldozent eine Familie ernähren. Da bleibe die Forschung auf der Strecke.

Oder sie scheitert an anderen Hürden: Aus historischen und sprachlichen Gründen gibt es keinen wissenschaftlichen Austausch zwischen dem anglophonen Ghana und den frankophonen Nachbarstaaten, wie der Ethnologe erklärt. Auch in dieser Hinsicht stellt das Projekt, das von der Volkswagen-Stiftung mit 515 000 Euro unterstützt werde, ein Novum dar: Es soll, so Bierschenk, die Gräben zwischen den Ländern überbrücken.

Der Spezialist für Benin und die französischsprachigen Nachbarländer fährt seit 20 Jahren regelmäßig nach Westafrika. Dort gebe es eine eigenartige Mischung von sehr schlecht und relativ gut funktionierenden Institutionen. Solche "Inseln der Effizienz" seien zum Beispiel unbestechliche Untersuchungsrichter in Benin. Diese charakterfesten Staatsdiener seien oft sehr fromme Menschen - sowohl Christen als auch Muslime. Anscheinend ist die Fähigkeit, Versuchungen zu widerstehen, stark an religiöse Werte gebunden.

Oder eine Frage des Berufsethos. Zum Beispiel bei Dorfschullehrern - ob und wie der Unterricht stattfindet, interessiert in der meist weit entfernten Bezirkshauptstadt kaum jemanden, wie der Professor erfahren hat. Trotz der katastrophalen Arbeitsbedingungen - meistens gebe es zwar ein Schulgebäude, aber keine Unterkunft für den Lehrer, und das Gehalt bekomme man nur bar in der Hauptstadt - funktionierten manche öffentlichen Schulen gut.

Solche Leistungen würden hierzulande kaum wahrgenommen - immerhin gelte das bitterarme Mali in Afrika als demokratisches Musterland. Allerdings habe dort Anfang der sechziger Jahre vieles besser funktioniert als heute. In der Studie solle deshalb auch erforscht werden, warum parallel zur Ausweitung der staatlichen Aufgaben ein "skandalöser Verfall" der Institutionen festzustellen sei.

Dieser Niedergang und die Korruption werden nach Meinung Bierschenks auch durch eine Entwicklungshilfe begünstigt, die vor allem auf finanzielle Zuwendungen setze. Er dagegen befürwortet das Prinzip "Fördern und fordern". Sinnvoll seien etwa Programme, die Arbeitsplätze schüfen oder die Wasserversorgung verbesserten. Mit vielen kleinen Schritten, weiß der Professor, ist auch in Afrika Staat zu machen.

Kastentext:
"Afrikanische Universitäten haben ähnliche Schwierigkeiten wie deutsche - chronische Unterfinanzierung und zu hohe Studentenzahlen."

Thomas Bierschenk, Ethnologe
 
 
Dazu:
Der afrikanische Staat in seinem Alltag: VolkswagenStiftung unterstützt neues Forschungsprojekt
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