Afrikaner*innen im Rhein-Main-Gebiet: Ein afrikalinguistisches Forschungsprojekt zu sprachlicher Integration

Zu dem hochaktuellen, politisch wie gesellschaftlich viel diskutierten Thema sprachlicher Integration soll ein wissenschaftlicher Beitrag aus dem Blickwinkel der Afrikalinguistik geleistet werden. Sprachliche Integration wird in Europa typischerweise verstanden als vornehmlich abhängig vom erfolgreichen Erwerb der Zielsprache in ihrer Struktur. Tatsächlich findet jedoch Spracherwerb der meisten Migrant*innen in informellen Kontexten außerhalb des Klassenzimmers statt. Dieser spontane Spracherwerb ist bislang kaum wissenschaftlich untersucht, obschon festzustellen ist, dass er unerwartet erfolgreich sein kann und mit kreativen Lernstrategien einhergeht.

Methodologisch vielschichtig konzipiert (teilnehmende Beobachtung, anonymisierte sprachbiografische Interviews und Fragebögen) gliedert sich das Vorhaben in zwei Perspektiven: (a) Sprachauffassungen und (b) kommunikative Praktiken, wobei die eigenen Vorstellungen von Sprache und Spracherwerb mit Blick auf den sprachlichen Hintergrund (monolingual vs. multilingual) der teilnehmenden Personen eingehend zu berücksichtigen sind. Unsere Methoden sind angelehnt an linguistische Ethnografien und an die linguistische Anthropologie. Während die Betrachtung von Individuen Spracherwerb in erster Linie als kognitive Kompetenz versteht (vgl. u.a. Ervin-Tripp 1974, Klein 2007, Kniffka & Siebert-Ott 2012), kann teilnehmende Beobachtung kommunikative Praxis und soziale Aspekte von Sprachverwendung erschließen. In den letzten Jahren haben linguistische Ethnografien als Ansatz in der Studie von Sprache, Gesellschaft und Interaktion an Bedeutung gewonnen (vgl. Copland & Creese 2015), v.a. zur methodisch effizienteren Abbildung von Sprache und Sprachverhalten. Zusätzlich ermitteln wir Sprachporträts (vgl. Busch 2016): Teilnehmer*innen werden hier gebeten, ihre Erfahrungen mit Sprache zu visualisieren. Anhand dieser Darstellungen werden wir qualitative Interviews führen, die eine reichhaltige Quelle für unser Anliegen liefern. Sie basieren auf aktuellen Ansätzen sprachbiografischer Forschung. Sprachbiografien sind “lebensgeschichtliche Erzählungen zum natürli­chen Erwerb und zum Erlernen von mehreren Sprachen” (Franceschini & Miecznikowski 2004: vii).

Archiv Fleisch September 2018, von links nach rechts: Abdourahmane Diallo, Sabine Littig, Nico Nassenstein, Joshua Hirschauer, Axel FleischZum Hintergrund: Die Universitäten Mainz, Frankfurt und Darmstadt schlossen sich im Mai 2016 zu einer – laut Website –  „strategischen Allianz“ kurz RMU (Rhein-Main- Universitäten) im Bereich der Afrikaforschung zusammen. Seit der Berufung Fleischs im April 2018 nahmen er und Nassenstein die Kooperation auf. Die beiden möchten von den entstehenden Vorteilen beider Standorte profitieren und die gute Ausbildung der Studierenden sichern und auch die standortübergreifende Forschung vorantreiben. Neben dem neuen Projekt ist die Hauptaufgabe die Planung eines neuen Bachelorstudiengangs der Afrikanistik. Das Projekt im Rhein-Main-Gebiet soll auch dazu dienen, zukünftigen Studierenden des neuen BA einen Einblick in die Forschungsweisen der Afrikalinguistik zu gewährleisten. Geplant ist eine aktive Lehrforschung und der Ausbau des Projekts zu einer interdisziplinären Forschergruppe. Aktuelle Informationen zu Projekt und Studiengang auch auf der Facebookseite.

Bibliographie:

  • Busch, Brigitta. 2016. Methodology in biographical approaches in Applied Linguistics. Working Papers in Urban Language & Literacies 187. [https://heteroglossia.net/fileadmin/user_upload/publication/ WP187_Busch_2016._Methodology_in_biograp.pdf] (aufgerufen im März 2018).
  • Copland, Fiona & Angela Creese (with Frances Rock & Sara Shaw). 2015. Linguistic Ethnography: Collecting, Analysing and Presenting Data. New York: Sage.
  • Ervin-Tripp, Susan. 1974. Is second language learning like the first. Teachers of English to Speakers of Other Languages, Inc. (TESOL) 8,2: 111–127.
  • Franceschini, Rita & Johanna Miecznikowski 2004. Wie bin ich zu meinen verschiedenen Sprachen gekommen? In Leben mit mehreren Sprachen, vivre avec plusieures langues. Sprachbiographien, biographies langagières, VII–XXI, hrsg. von Rita Franceschini & Johanna Miecznikowski. Bern: Peter Lang, S. vii–xxi.
  • Klein, Wolfgang. 2007. Mechanismen des Erst- und Zweitspracherwerbs. Sprache Stimme Gehör 31: 138–143.
  • Kniffka, Gabriele & Gesa Siebert-Ott. 2012. Deutsch als Zweitsprache. 3. aktual. Auflage. Paderborn: Schöningh.

© Bild: Archiv Fleisch September 2018 von links nach rechts: Abdourahmane Diallo, Sabine Littig, Nico Nassenstein, Joshua Hirschauer, Axel Fleisch